Härte

Ein dunkles Tal von Blut und Tränen

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Und schaltet vom Interview aus dem Karatezentrum in die Vergangenheit, 1955, in schwarz-weiß, nachgespielt direkt in die Kamera, die den kleinen Andreas darstellt: Der Vater, der ihm die Hand zerquetscht aus lauter Spaß daran; die Mutter, die ihn nach dem Baden abrubbelt, auch untenrum, das Schwänzli und das Säckli. Missbrauch in zweifacher Hinsicht, körperlich und sexuell – wobei die körperliche Seite in Härte weitgehend außen vor gelassen wird, nur als Sprungbrett hin zu Karate – um sich zu stählen – und von dort aus hin ins Rotlichtmilieu – weil ihn zwei Zuhälter haben kämpfen sehen – dient. Die psychisch-sexuelle Seite: Das ist das eigentliche Thema, das von Praunheim krass darstellt: Gabi Karrenbacher in ostentativer Nacktheit, die sich vor der Kamera – vor dem Kind – räkelt. "Los, steck deine Finger rein, wenn´s feucht wird, hast du’s richtig gemacht… Und wenn du’s nicht tust, dann ist der Spaß vorbei, dann wirst du weggeholt…"

Klar, dass man davon einen Knacks bekommt. Ein Frauen-Hass-Programm ablaufen lässt. Und sieben, acht Frauen für sich anschaffen lässt, sie mit Zuckerbrot und Peitsche – sprich: mit Geschenken und Versprechungen, mit Beschimpfungen und Schlägen – bei der Stange und in emotionaler und finanzieller Abhängigkeit hält. Hanno Koffler spielt diese Version von Andreas Marquardt hart und kalt, und der Film erreicht hier eine wirklich erschütternde emotionale Qualität.

Was erstaunlich ist: Denn zu Rosa von Praunheims Stil gehört auch eine radikale Stilisierung, weit weg von Realismus, geschweige denn Naturalismus: Ein ständiges Darstellen nicht von Authentischem, sondern von Chiffren, von symbolischen "Das wäre jetzt"-Verweisen. Die Lockenperücke von Karrenbauer steht für die 50er Jahre, die bunten Hemden (in schwarz-weiß!) für die 70er; ansonsten hat die Ausstattung keine Angst vor Anachronismen. Die Räume des Films sind Stellwände, auf die die Zimmereinrichtung projiziert wird – dies nicht auffällig, als wirkliches Stilmittel, sondern teils wohl auch einfach der Budget-Not geschuldet und als Tugend der Stilisierung eingebracht. Und das wirkt: Die Reduzierung der Mittel schärft den Focus für den Inhalt, für die Härte der Geschichte.

Insbesondere, als Zuhälter Andy Marion kennenlernt: Auch dies wieder so eine Chiffre-Sache, ein Spiel mit den schon zu oft gesehenen Klischees, wenn die Kamera an ihrem Körper herabgleitet unter der Dusche im Freibad – das ist eben effizient, jeder weiß, was es bedeuten soll. Und Marquardt drückt es heftig aus: Ein Sechser im Lotto, so eine Frau, die bringt jeden Tag einen Tausender. Sie ist erst 16, er muss warten, bis er sie einsetzen kann, er erzieht sie zur Nutte, und sie macht willig mit – auch Marion Erdmann kommt im Interviewteil zu Wort, man ahnt hier schon, dass es so etwas wie ein Happy End geben wird: Die beiden sind inzwischen zusammen, inzwischen: das bedeutet nach der Haft, nach Therapie, nach Beschimpfung der Mutter. Nachdem dieses ganze dunkle Tal von Blut und Tränen durchschritten war, nachdem sie in unerschütterlicher – und unendlich naiver – Liebe immer zu ihm gehalten hat, und nachdem er sie missbraucht hat auf vielfältige Weise. So, wie seine Mutter ihn missbraucht hat.

Irgendwo im Film steckt vielleicht eine allzu einfache Küchenpsychologie. Aber Rosa von Praunheim weiß auch dies. Und macht daher klar: Auch Marion war als Kind missbraucht worden. Ist aber kein unzurechnungsfähiger Brutalo-Schläger geworden. Auch eine traumatische Vergangenheit bedeutet keine Entlassung aus der Verantwortung.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/haerte