The Forecaster

Der Mann mit dem Crash-Code

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Armstrong hatte schon früh seine Faszination für Geld und sein Talent im Umgang damit entdeckt. Bereits in jungen Jahren bettelte er seine Mutter an, ihn jeweils einen Blick auf das Wechselgeld werfen zu lassen, um dann die seltenen Münzen umgehend zu Geld zu machen. Durch den Handel mit Hartgeld hatte er es bereits im zarten Alter von 15 Jahren zur ersten Million – ein echter Selfmade-Mann und damit geradezu dazu prädestiniert, in den USA eine steile Karriere aufs (Börsen)Parkett zu legen. Die beförderte ihn in den 1980er Jahren bis ganz nach oben, mit seinem Investment-Unternehmen "Princeton Economics" jonglierte Armstrong schnell mit Summen im Milliardenbereich und war so etwas wie der ungekrönte König der Wall Street. Nebenbei entwickelte das Finanzgenie basierend auf umfangreichem historischem Zahlenmaterial eine Art Weltformel für die Wirtschaft, mit deren Hilfe sich wiederkehrende Zyklen von Haussen und Baissen zuverlässig und mit verblüffender Präzision vorhersagen ließen. Alle 8,6 Jahre, so seine Erkenntnis, würde sich ein Börsencrash wiederholen, ein Zyklus, der sich mit absoluter Genauigkeit und Zuverlässigkeit seit Jahrhunderten nachweisen ließe. Was dann folgt, ist reine Zahlenesoterik oder wie Armstrong es nennt "die Geometrie der Zeit", denn die berechnete Zeitspanne, innerhalb derer größere Erschütterungen stattfinden, umfasst 3141 Tage, was wiederum (zumindest ungefähr) dem Tausendfachen der Zahl Pi entspricht. Und die übt schon seit Jahrtausenden eine ganz eigentümliche Faszination auf Menschen aus, die nach einem ordnenden Muster im Chaos der Zeit und des Daseins suchen.

Die Zäsur in Armstrong bis dahin märchenhaftem Aufstieg erfolgt dann im Jahre 1999, als die US-Behörden, so scheint es zumindest, genug von den unbequemen Wahrheiten hatten und den Fondsmanager wegen Betrugs anklagten und hinter Gitter steckten. Armstrong und sein Unternehmen hätten, so lautete der Vorwurf, Anleger in Japan mittels eines komplexen Schneeballsystems um 3 Milliarden betrogen. Ohne dass es zu einer Verurteilung gekommen wäre, verbringt Armstrong die nächsten Jahre im Hochsicherheitstrakt in New Yorker Gefängnisses , angeblich wegen Missachtung des Gerichts, doch in Wirklichkeit, so suggeriert es der Protagonist selbst, sei es der CIA darum gegangen, den geheimnisvollen Computercode seines Wirtschaftsmodells. Weil er die Kooperation verweigert, bleibt er in Beugehaft und sitzt für 12 Jahren hinter Gittern. Als er entlassen wird, hat er fast alles verloren, doch noch immer üben seine Theorien und Prognosen eine eigentümliche Faszination auf die Menschen auf.

Die Geschichte hat alle Zutaten, die auch einen spannenden und modernen Noir-Thriller ausmachen: Einen zwielichtigen (Anti)Helden, eine geheimnisvolle Formel, deren Sprengkraft so enorm ist, dass sie scheinbar mächtige Gegenspieler anzieht, die deren Veröffentlichung mit allen Mitteln verhindern wollen, internationale Schauplätze voller Glamour und Exotik und ein real erscheinendes Bedrohungsszenario, das sich so gewaltig ausnimmt, dass die Menetekel und düsteren Prophezeiungen jedem Zuschauer die Angstschauer über den Rücken jagen. Die Filmemacher sind sich der spielfilmreifen Zutaten ihres Filmes durchaus bewusst – und nutzen diese weidlich zur Spannungserzeugung aus, von der treibenden Streichermusik, die jedem fiktiven Paranoia-Thriller zu Ehre gereichen würde, bis zu den Versuchen, den eigentlich unfilmbaren MacGuffin (die Formel natürlich) dennoch in angemessene Bilder zu kleiden.

Was dabei indes auf der Strecke bleibt, ist eine kritische Haltung gegenüber ihrer "person of interest", deren Faszination Vetter und Steinberger beinahe in ähnlicher Weise erliegen, wie dies zu Hochzeiten des Aktienbooms mit sogenannten Börsen-Gurus der Fall war. Begünstigt wird das durch die kollektive Verweigerungshaltung seitens der US-Administration, sich zu dem Fall zu äußern. Auch Gegner Armstrongs waren nicht bereit, vor die Kamera zu treten. Stattdessen versammelt der Film vor allem Weggefährten und unterlässt es tunlichst, die steilen Hypothesen kritisch zu hinterfragen. Ob dies nun allein schon ausreicht, um den teilweise recht abenteuerlichen Verschwörungstheorien Armstrongs mehr Glaubwürdigkeit zuzusprechen, ist jedem Zuschauer selbst überlassen, die recht einseitige Sicht auf den Protagonisten provoziert aber zumindest bei Skeptikern einige Zweifel und wirkt bisweilen wie eine Geisterbahnfahrt durch Land Paranoia.

Wer glaubt und glauben will, der wird in Armstrongs durchaus faszinierenden Thesen genügend Bestätigung für steile Verschwörungstheorien finden. Für eher skeptischere Zuschauer hingegen bildet The Forecaster einen Lackmustest in Sachen Fiktionalisierung der so genannten Wirklichkeit, der Film birgt neben allem Geraune auch manche schillernde Erkenntnis, die durchaus treffend das gegenwärtige Chaos auf den Finanzmärkten auf den Punkt bringt ("Staaten zahlen ihre Schuld niemals zurück!" ist dabei schon fast eine Binsenweisheit). Spannend und unterhaltsam ist der Film aber auf jeden Fall, zumal sich in den Prognosen Armstrongs jede Menge gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Sprengstoff verbirgt.

Ob der nächste Crash tatsächlich im Oktober 2015 bevorsteht? Wir werden sehen. Wenn nicht, haben wir noch einmal Glück gehabt. Wenn doch... nun, vielleicht hat Armstrong ja doch recht? Jedenfalls hat er angekündigt, sein begehrtes Modell demnächst zu veröffentlichen: Die Weltformel als Open Source Code – das wäre wirklich mal eine Sensation.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-forecaster