Heaven Knows What

Wir Kinder vom Central Park

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Menschenknäuel auf dem Boden. Eng umschlungen liegen Harley (Arielle Holmes) und Ilya (Caleb Landry Jones) dick eingepackt auf dem nackten Asphalt; rauchen, küssen, fahren sich durchs Haar. Nervöse elektronische Klänge verbreiten ein mulmiges Gefühl. Harley und Ilya interessieren sich nicht für die Welt um sie herum, das Kinopublikum sieht diese Welt zunächst nicht, so dicht ist die Kamera am Geschehen. Eine Einstellung später kauert Harley weinend auf dem Bürgersteig. Weil sie einen anderen geküsst hat, behandelt Ilya sie wie ein Stück Dreck. Um ihm ihre Liebe zu beweisen, öffnet sie sich auf offener Straße die Adern. Die wenigen Cent für die Rasierklinge hat sie kurz zuvor von Passanten geschnorrt. Junkies in love, oder was sie dafür halten. Eine drogengeschwängerte Amour fou, bar jedweder Rationalität.

Die Independentfilmer Ben und Joshua Safdie werfen ihr Publikum ohne Vorwarnung in diese Raserei. Die Vorgeschichte interessiert sie ebenso wenig wie eine moralische Wertung. Nüchtern folgen die Brüder Harley durch New Yorks Upper East Side. Postkartenmotive sucht man hier vergebens. Heaven Knows What zeigt die noble Gegend von unten: die touristenfreien Ecken des Central Parks, wo die obdachlosen Junkies übernachten, die verdreckten Straßen, auf denen sie betteln, die öffentlichen Bibliotheken und Fast-Food-Restaurants, in denen sie sich aufwärmen, unbehelligt essen oder auf der Toilette den nächsten Schuss setzen können. Ein tristes Leben jenseits jeder Hollywoodromantik.

Die Geschichte hinter der Geschichte klingt hingegen wie aus der Traumfabrik. Joshua Safdie recherchierte gerade für seinen neuen Film, als er Arielle Holmes in einer U-Bahn-Station begegnete. Die zerbrechliche Adoleszente mit der spitzen Nase und den großen, glänzenden Augen erinnerte ihn an die junge Anjelica Huston. Der Regisseur sprach sie an, fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, in seinem Film mitzuspielen. Holmes willigte ein, traf sich mit Safdie auf einen Kaffee, begann zu erzählen. Als er ihre Geschichte hörte, ließ der Regisseur sein aktuelles Projekt fallen, wollte stattdessen Holmes Leben auf die Leinwand bringen. Er ermutigte sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, bezahlte sie dafür pro Seite. Schließlich übernahm Holmes auch die Hauptrolle, wie die Brüder überhaupt zahlreiche Nebenrollen mit echten Obdachlosen aus Holmes Umfeld besetzt haben. Mittlerweile hat Arielle Holmes einen Agenten und eine Rolle in Andrea Arnolds Hollywooddebüt American Honey.

Das Talent dazu hat sie. Und Heaven Knows What lebt in großen Teilen von Holmes' unverbrauchtem, kraftvollem Spiel. Gemeinsam mit Caleb Landry Jones bringt sie eine zerstörerische Liebe auf die Leinwand, die beim Zusehen wehtut. Trotz seiner Thematik ist Heaven Knows What aber kein reißerischer Film. Ben und Joshua Safdie tappen nicht in die Falle, den Drogenkonsum (audio)visuell zu überhöhen. Die Brüder zeigen Drogen, Spritzen und Venen weder in Großaufnahme noch in ausgefeilten Montagesequenzen. Musik ist für sie kein Hilfsmittel, den Kick des Drogentrips erlebbar zu machen. Ganz im Gegenteil: Wenn sie Musik einsetzen, dann als akustische Störgeräusche, die dem Publikum auf die Nerven und an die Nieren gehen. Der Drogenkonsum gehört in Heaven Knows What schlicht zum Alltag der Protagonisten wie für andere Menschen ein Espresso nach dem Essen.

Letztlich ist diese nüchterne Beschreibung des Alltäglichen ein wenig die Crux dieses Films, weil sie gängigen Erzählmustern zuwiderläuft. Im Leben eines Junkies gibt es keine Höhepunkte, keine Entwicklung. Letztlich geht es nur darum, an Geld für den nächsten Schuss zu kommen. Während andere Filme an dieser Stelle zumindest auf eine Radikalisierung der Geldbeschaffung setzen, ihre Protagonisten zu Waffen greifen oder den eigenen Körper verkaufen lassen, zeigt Heaven Knows What die eintönige Routine aus Betteln und Stehlen. Am Ende ist Harley genau dort, wo sie angefangen hat. Dank Arielle Holmes einnehmender Performance ist das ungemein authentisch, aufwühlend und todtraurig, aber irgendwie auch ein bisschen langweilig.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/heaven-knows-what