Unsere kleine Schwester

Familie ist, wo das Herz wohnt

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Strenge Ermahnungen, kleine Streiche, liebgewonnene Rituale prägen das Zusammenleben, das friedlich und überwiegend ohne große emotionale Ausschläge dahinplätschert. Das ändert sich auch nicht, als die Frauen zu der Beerdigung des Vaters fahren und dort feststellen müssen, dass es noch eine Halbschwester namens Suzu gibt, ein 14 Jahre altes Mädchen, das aus einer weiteren Beziehung des gemeinsamen Vaters hervorging. Mit dessen neuer Frau aber, die ihre Stiefmutter ist, hat sie kein gutes Verhältnis und so nimmt Suzu das Angebot ihrer drei bis dahin unbekannten Halbschwestern gerne an, doch zu ihnen zu kommen und mit ihnen zusammen zu leben.

Obwohl noch vergleichsweise jung an Jahren, ist Hirokazu Kore-eda (geboren 1962) so etwas wie der letzte Traditionalist des japanischen Kinos. Seine Filme, vor allem Nobody Knows (2004), Still Walking (2008) und Like Father, Like Son (2013), beschäftigen sich immer wieder mit der Institution der Familie, die in seiner Heimat noch größeren Stellenwert hat als anderswo. Allerdings merkt man den jeweiligen Konstellationen immer an, dass Kore-eda doch stets ein Mensch der gesellschaftlichen Gegenwart ist, in der er lebt.

So auch in Unsere kleine Schwester, der auf dem Manga Umimachi Diary von Akimi Yoshida beruht. Bei aller Ruhe und heiteren Gelassenheit, die den Lauf der Tage im Haus der drei Schwestern erfüllt, gibt es dennoch Verwerfungen und Schwierigkeiten, die die schwesterliche Eintracht und den Zusammenhalt gefährden: So hat beispielsweise Sachi, die als Krankenschwester arbeitet, eine Affäre mit einem verheirateten Arzt und merkt selbst erst gar nicht, dass sie damit just jenes Verhalten zeigt, das sie bei ihrem eigenen Vater auch heute noch aufs Schärfste verurteilt – denn dessen ständige Liebeleien ließen Sachis Ursprungsfamilie auseinanderbrechen. Als ihr Geliebter ankündigt, für einen Job in die USA zu gehen und sie mitnehmen zu wollen, steht sie vor einer schwierigen Entscheidung.

Und ähnlich, wenngleich in geringerem Umfang, geht es auch den beiden anderen Schwestern. Der Fokus liegt jedoch vor allem auf Sachi und Suzu, zwischen denen sich eine Art Mutter-Tochter-Verhältnis etabliert, das von einem Geheimnis überschattet wird. Allerdings wird sich herausstellen, dass diese Ersatzfamilie, die sich aus den nunmehr vier Schwestern gefunden hat, bei allem Misstrauen der Verwandtschaft stark genug ist, alle Hindernisse zu überwinden. Ob sie ewig halten wird, ist indes ungewiss, immer wieder gibt es Ausbruchsversuche, doch das Zentrum, das familiäre Fundament, ist stark und stabil. Möchte man diese Haltung, die Unsere kleine Schwester ausmacht, vermitteln, so fühlt man sich am ehesten an Mike Leighs Another Year erinnert, an die in sich ruhende Gelassenheit, die das darin porträtierte Ehepaar ausstrahlt.

Unsere kleine Schwester ist geprägt von einem ruhigen, fast zen-buddhistisch anmutenden Erzählfluss, dessen Optimismus durchaus stellenweise zu verzaubern versteht. Eingewoben sind darin Motive des Lebens und des Sterbens, der Natur und des Genusses – aber auch die Frage nach dem Platz, den man sich im Leben sucht und wo man ihn womöglich finden kann. Vor allem aber findet man in diesem stillen und leisen Werk Frauenfiguren von einer Ruhe und Kraft, wie man ihnen im Kino derzeit nur selten begegnen darf.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/unsere-kleine-schwester