Um jeden Preis

Unbedingter Kinderwunsch

Eine Filmkritik von Gregor Ries

Als erfolgreiche Geschäftsfrau mit unbedingtem Kinderwunsch erscheint die 61-jährige Kim Basinger schon etwas zu alt. Allerdings wirkte sich die Beteiligung des Hollywoodstars entscheidend für die Entwicklung des Projekts aus, bei dem sie wohltuend unglamourös, eindringlich und nüchtern agiert. Als Maria leitet sie eine Hamburger Speditionsfirma und ist mit Filmemacher Peter verheiratet, verkörpert von Regisseur Sebastian Schipper (Victoria). Beider Wunsch nach einem Kind blieb bislang unerfüllt. In den letzten zehn Jahren erlitt Maria schon acht Fehlgeburten. Beim letzten Versuch verlor sie so viel Blut, dass man sie zwei Minuten lang für tot erklärte.

Nachdrücklich rät ihr Arzt von weiteren Schwangerschaften ab, was die Ehe auf eine harte Probe stellt. Da der auf Distanz gehende Peter ihren Wunsch nach einer Adoption kategorisch ablehnt, entscheidet sich Maria für eine Reise nach Tschechien, um dort ein bedürftiges Kind zu kaufen. Auf dem Weg nach Osten trifft sie den wohnsitzlosen Liliputaner Christian (Jordan Prentice), den alle nur "Petit" nennen. Leider besitzt nicht der gesamte Film den schrägen Humor seines ersten Auftretens während Marias Raststättenbesuch – mit dem Schlagabtausch zweier Pandabären im Hintergrund. Mit Nachdruck und einer beachtlichen Belohnungssumme kann die verzweifelte Maria den drogenabhängigen Anhalter überreden, sie ins Rotlichtmilieu eines tschechischen Dorfs zu begleiten. Doch "Petit" betont mehrfach, man solle besser keinem Süchtigen trauen.

Von hier an schlägt das Skript immer tollkühnere Volten. Als russischer Zuhälter fügt Peter Stormare, schon bei Morgenthalers Echo mit von der Partie, seinen unzähligen Widerlingen einen weiteren routinierten Kotzbrocken hinzu. In der zweiten Hälfte verheddert sich der Plot zunehmend in osteuropäischen Elendsklischees. Weitaus eindrucksvoller gerät der erste Teil, in dem sich die gut situierte Protagonistin in einer klinischen, aseptischen Welt bewegt, in der sich allmählich die Wahrnehmung verschiebt. Unschärfen bringen die klar aufgebauten Einstellungen aus dem Lot, und der verzerrte Ton unterstreicht Marias Abdriften in übersinnliche Sphären.

Während der Fehlgeburt taucht das ungeborenes Kind als eine Art Fee auf, das sich wiederholt per Kinderstimme aus dem Off meldet. Auf Dauer wirken dessen Kommentare jedoch aufgesetzt, da der Off-Dialog nur das wiedergibt, was ohnehin auf der Leinwand zu sehen ist. Immerhin versteht es der märchenhafte Schluss, wieder den Bogen zum surrealen Beginn zu ziehen. Doch Morgenthalers Horror-Psychodrama, das einst Titel wie "Unborn", "The 11th Hour" oder "I Am Here" trug, vermag über die gesamte Laufzeit nicht die Prämisse des eindrucksvollen, dichten Beginns zu erfüllen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/um-jeden-preis