Das dunkle Gen

Über die Biologie der Depression

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Um es gleich vorwegzunehmen: Das im Titel erwähnte, einzelne dunkle Gen, das für die Depression verantwortlich wäre, gibt es nach dem Stand der Forschung nicht. Schon die DNA-Analyse liefert nicht die von Schauder erwarteten Ergebnisse: Erstens handelt es sich lediglich um oberflächliche, grobe Vergleiche mit Durchschnittswerten. Zweitens liegt sein genetisches Risiko, an einer Depression zu erkranken, nur bei 0,1 Prozent. Mittlerweile sind in Amerika solche Gesundheitsprognosen verboten worden: Sie sollen Ärzten vorbehalten bleiben, schon damit sie nicht zu falschen Schlüssen verleiten.

Mit Schauder als Ich-Erzähler und Rechercheur beschreitet der Film zwei verschiedene Wege: Zum einen geht es um die persönliche, berührende Geschichte des Arztes und seine von der Krankheit lange beeinträchtigte Beziehung zum geliebten Sohn. Zum anderen werden ausgewählte Forschungsinstitute und Analyselabors besucht. Man bekommt anschaulich erklärt, wie zum Beispiel eine Chromosomenanalyse oder der Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn funktionieren. Das wirkt über weite Strecken hochinteressant und schließt auch die eine oder andere Bildungslücke. Künstlerisch-abstrakt anmutende Animationen mit kleinen, herumschwirrenden Gebilden illustrieren, wie komplex und scheinbar chaotisch das Treiben der Moleküle ist, die unsere körperliche und emotionale Verfassung steuern. Diese Animationen stammen von Spezialisten, die Anschauungsmaterial für den medizinisch-physiologischen Bereich herstellen.

Aber der Ausflug in Genetik und Hirnforschung koppelt sich nahezu vollständig vom Thema Depression ab. So ist irgendwann auch von dem Forschungsziel die Rede, Alterungsprozesse mit Hilfe von Eingriffen in die DNA zu verlangsamen. Schauder führt die Gespräche mit den Experten – unter ihnen hochkarätige Wissenschaftler wie der Molekularbiologe George Church - selbst und stellt ihnen auch philosophische Fragen über Determinismus und Handlungsfreiheit. Das Filmprojekt wirkt sich positiv auf Schauders psychische Verfassung aus: Er beschäftigt sich wieder mit seinem Interessengebiet der Neurobiologie und erfährt, dass der Mensch seiner Natur nicht komplett ausgeliefert ist. Im Körper finden ständig Veränderungen und Anpassungen an, die zum Teil beeinflusst werden können. Um Handlungsspielräume innerhalb von Strukturen geht es auch in künstlerischen Betrachtungen, Begegnungen mit einer Komponistin und einem Bildhauer. Das zieht sich mitunter ganz schön in die Länge. Schade ist auch, dass die Wirksamkeit von Psychotherapien nicht behandelt wird.

Insgesamt aber ist Das dunkle Gen ein wichtiger und anregender Film, der nicht nur aufzeigt, wie spannend Humangenetik und Hirnforschung sind, sondern auch, dass ihre Entdeckungen aufmerksam verfolgt werden sollten. Schließlich geht es dabei um Fragen unserer Individualität – auch in psychischer Hinsicht – und darum, die Vor- und Nachteile der biologischen Eingriffe zu diskutieren, die bald möglich sein werden.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-dunkle-gen