Arabian Nights

Portugiesische Geschichten

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

In Arabian Nights werden nun anstatt der Geschichten von Sindbad und Ali Baba, Erzählungen aus dem portugiesischen Alltag geliefert, die die Entwicklungen Portugals dokumentieren. Dabei wählt Gomes in den einzelnen Geschichten verschiedene Stile, bisweilen kehrt er auch zu Scheherezade zurück, beständig wird der Song "Perfidia" angespielt, der vor allem auf die Grundstimmung in Portugal verweist: die Bevölkerung fühlt sich verraten und im Stich gelassen von einer Regierung, die nach Aussage des Films keinerlei Interesse an sozialer Gerechtigkeit hat.

Der Film besteht aus drei Teilen, die sich aber als Gesamtkunstwerk verstehen. Und so treffen in 1001 Nacht - Teil 1: Der Ruhelose (Teil 1), 1001 Nacht - Teil 2: Der Verzweifelte (Teil 2) und 1001 Nacht - Teil 3: Der Entzückte (Teil 3) verschiedenste Geschichten aufeinander, die von Zusammentreffen von Politikern und Bankern erzählen, die durch das Spray eines Zauberers eine Dauererektion bekommen; von einem Wettsingen zwischen Buchfinken; und der Flucht eines Mannes nach dem Mord an seiner Ex-Frau und seiner Tochter. Gomes fängt verschiedene Milieus ein und sorgt insbesondere mit authentischen Berichten von Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für Einblicke in die portugiesische Gesellschaft. Zudem arbeitet er mit zahlreichen Gegensätzen und nutzt beispielsweise eine antik-angehauchte Gerichtsverhandlung, um auf die Verkettungen und verschiedenen Notlagen hinzuweisen, durch die Verbrechen entstehen. Am besten sind die Arabian Nights aber in ihren surrealen Passagen. Hier verdichtet sich die (wahre) Geschichte von einem Hahn, der aufgrund seines morgendlichen Schreis getötet werden soll, zu einer Erzählung über Aufmerksamkeit und Liebe, oder werden durch den sehr freundlichen Hund Dixie verschiedene Episoden in einem Hochhaus verbunden.

Allerdings gibt es in den drei Teilen auch viele Längen, zu viele Spielereien und gewollte Verweise auf die Realität in Portugal. Vor allem aber überlässt es Gomes oftmals nur scheinbar dem Zuschauer Rückschlüsse zu ziehen, sondern sorgt mit Texttafeln immer wieder für die Einordnung, die er vorsieht. Insbesondere im letzten Teil, in dem in nahezu jeder Sequenz eine Texttafel nötig ist, stellt sich dann die Frage, warum dieser Rückgriff in einem Film nötig ist, der im ersten Teil mit dem Regisseur und Scheherezade bereits zwei Erzähler etabliert hat. Auf diesen Rahmen wird jedoch nicht mehr zurückgegriffen, vielmehr wirkt er nun als Vorhut, als selbstreferentielles Spiel des Regisseurs, das ein Scheitern vorwegnehmend entschuldigt. Insgesamt ist seine Nicht-Wiederaufnahme aber auch exemplarisch für einen Film, der beständig auf seine Struktur verweist und mit ihr spielt, sie dann aber nur scheinbar wichtig nimmt. Und so sind Miguel Gomes' Arabian Nights hauptsächlich als filmisches Experiment interessant, als ein Versuch der filmischen Bearbeitung einer Krise.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/arabian-nights