Station to Station

Kunst auf Schienen

Eine Filmkritik von Falk Straub

Doug Aitken steht nur selten still. Meist arbeitet der 1968 in Kalifornien geborene Künstler an mehreren Projekten parallel. Dem deutschen Publikum boten sich im Sommer 2015 gleich zwei Möglichkeiten, Aitkens bild- und tongewaltigen Werken auf den Grund zu gehen. Vom 9. Juli bis 27. September lief eine Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, am 16. Juli startete Aitkens Station to Station in den deutschen Kinos - nun erscheint das Werk auf DVD.

In Station to Station ist die Bewegung Teil des Konzepts. Im Herbst 2013 reiste Aitken mit einem Zug voller Künstler, Musiker und Filmemacher von der Ost- an die Westküste quer durch die USA. An zehn Stationen machte der Zug Halt, manche Passagiere stiegen zu, andere aus. Der Deutsche Thomas Demand, der Schweizer Urs Fischer und der Däne Ólafur Elíasson waren darunter. Patti Smith, Beck, Thurston Moore, Georgio Moroder oder Cat Power spielten an den Stationen auf. Keines der zehn Happenings glich dem anderen. Eine Eisenbahn als rollende künstlerische Plattform.

Aitken hat das Projekt festgehalten und 62 jeweils einminütige Filme daraus gemacht. Manche haben rein dokumentarischen Charakter, wenn der Regisseur die Auftritte der Musiker oder die Gedanken der Künstler einfängt. Andere spielen clever mit den Mitteln von Bild, Ton und Montage – jeder Clip ist ein kleines Kunstwerk für sich. Die Qualität ist durchweg hoch, doch der Ideenreichtum begrenzt. Trotz ihrer kurzen Laufzeit und wechselnder Landschaften wirken besonders die Aufnahmen im, vom und aus dem Zug schnell redundant. Und dennoch gelingen dem Kalifornier in seiner Collage einer internationalen Kunstszene beeindruckende Bilder. Wenn sich etwa ein Mann in gedehnten Schwarzweißaufnahmen seinem Weg durch eine Bahnhofshalle bahnt und seine Peitschen, fein abgestimmt zu Trommelschlägen, knallen lässt oder wenn die illuminierten Außenwände des Zugs wie ein Lichtstrahl durch die Nacht rasen, entwickeln Aitkens Clips eine cineastische Wucht.

Station to Station ist nicht Aitkens stärkstes Werk, aber eines seiner spannendsten. Es gewährt nicht nur Einblick in eine weltweit vernetzte Szene, sondern bringt den Zuschauern auch Musiker und Künstler nahe, die oftmals unterhalb des Radars fliegen. Hier stehen international Etablierte neben Straßenmusikern, die von ihrer Kunst zwar nicht (über-)leben können, aber sie mit Enthusiasmus betreiben. Nicht zuletzt zeigt Station to Station ein anderes Amerika, von seinen Bahnhöfen und vom Untergrund aus. Ein lebendiges, kreatives und individuelles Land, das abseits aller Stromlinienförmigkeit existiert. Bei all den Mainstreamproduktionen aus Übersee vergisst man das allzu leicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/station-to-station