La Belle Saison - Eine Sommerliebe

Die neue Landlust

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Doch Catherine Corsinis sommerliches Damen-Dramolette La Belle Saison erzählt dem Zuschauer eine andere Geschichte: die eines immer noch seltsam verklemmten Landes zu Beginn der 1970er Jahre, speziell in den bäuerlichen Regionen der Grande Nation. Hier werden die zukünftigen Bräute gerne noch innerhalb der Dorfgemeinschaft ausgesucht: Nur zwischen den Männern, versteht sich. Denn Manneskraft und Traktorenmessen zählen in diesem Geschlechtermodell noch weit mehr als Frauenthemen oder gar Emanzipationsversuche der Gattinnen. Zwischen diesen reaktionären Polen wächst die 23-jährige Delphine (Izïa Higelin) am Hof ihrer wortkargen, erzkonservativen Eltern auf: Paris ist fern – und vom Geiste sexueller Befreiung hat man in diesem französischen Flecken noch nicht viel gehört.

In diesem Gedankenkosmos verortet, erzählt Corsini (Die Affäre), die als Filmemacherin schon lange homosexuelle Thematiken offensiv angeht, das zartbittere Revolutionsmärchen vom erdigen Landei Delphine, das im Zuge der Pariser Frauenrechtsbewegung auf die bezirzend-attraktive Carole (Cécile de France) trifft: Nach Umzug (von Delphine in die Hauptstadt) und Entzug (vom Partner wie der universitären Frauengruppe bei Carole) bahnt sich rasch das zu erwartende Liebes-Leidens-Drama an. Corsinis künstlerischer Stab setzt dabei konsequent auf farbige Landschafts-Tableaus (Kamera: Jeanne Lapoirie ) und bemüht sich demonstrativ um historischen Zeitgeist (Ausstattung: Anna Falguères), was in der filmischen Umsetzung größtenteils ordentlich gelingt. Nur Grégoire Hetzels samtig-sämiger Score stört manche Liebesszene mehr, als dass er ihr nützen würde.

Trotzdem ist Catherine Corsinis neuester Versuch, homosexuelle Leinwandliebe massentauglicher zu machen, handwerklich auf einem hohen Niveau: Da sitzt die bäuerliche Latzhose, da rattert der Motor des rostigen Bulldogs. Die Farben der Felder strahlen wie im Hochglanzprospekt französischer Tourismusverbände – und das Spiel der Landbevölkerung ist kernig, weitgehend authentisch. Gerade in der Besetzung von Noémie Lvovsky als Dephines Mutter und konservatives Beta-Tier ohne Willen zum Ausbruch, manifestiert sich erneut das gute Händchen der Regisseurin für den richtigen Cast. Obendrein weht die wilde Mähne von Cécile de France (Der Junge mit dem Fahrrad), deren Lächeln kaum ein Zuschauer widerstehen kann.

Richtig interessant wird Corsinis bis zu diesem Zeitpunkt etwas dahin plätschernder Film allerdings erst, wenn Delphines Vater (überzeugend: Jean-Henri Compère) nach einem Schlaganfall auf das Landgut zurückkehrt: Jetzt sind nicht mehr nur die Filmfarben bunt, sondern auch die Dialoge. Die Mutter tobt, der Vater schweigt: Jede der Liebenden muss sich nun entscheiden. So spitzt sich der innerfamiliäre Konflikt bedeutend zu, weil Carole zuvor schon ihrem männlichen Partner in Paris endgültig den Laufpass gegeben hatte und vorerst zu Delphine ins landschaftliche Dorfidyll der Limousin-Region gezogen ist. Doch für wie lange? Und überhaupt in welcher offiziellen Konstellation: Als echte Geliebte oder lediglich als "beste Freundin" für die Augen und Ohren der Dorfgemeinschaft?

Catherine Corsinis La Belle Saison schmeckt über weite Strecken wie ein luftiger – aber nicht ausschließlich leichter – Roséwein: Herbe Noten tauchen mitunter auf, auch manche Crosscuts (Montage: Frédéric Baillehaiche) sind als Kohlensäurebläschen eingewoben in dieses filmisch etwas zu süßlich geratene Bouquet. So kann es sich der Zuschauer zwar durchaus gemütlich machen auf Corsinis Kino-Tischdecke für das gemeinsame Gedanken-Picknick über Lebens- und Liebesträume zweier Frauengestalten im 68er Gesellschaftstaumel. Doch selbst eine überraschende Schlusssequenz und manch sommerliche Verve in der Inszenierung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass derzeit ausgerechnet zwei Männer namens Todd Haynes (Carol) und Abdellatif Kechiche (La vie d’Adèle) die schönsten Filme über Frauenlieben inszenieren.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/la-belle-saison-eine-sommerliebe