Fassbinder - Lieben ohne zu fordern

Der lange Schatten des Rainer Werner Fassbinder

Eine Filmkritik von Patrick Wellinski

Und damit bringt er das Dilemma auf den Punkt. Wir können das Erbe des RWF nicht fassen. Seine Filme kennen wir, aber sie werden einer neuen Generation nicht mehr gezeigt. Vielleicht will man sich an so ein unbequemes Genie nicht erinnern. Vielleicht hat Heisenberg recht, vielleicht haben wir alle Angst. Angst vor der Konfrontation mit den Lügen, mit denen wir unsere Leben pflastern und die Fassbinder immer aufdeckte. Vielleicht ignorieren wir RWF, weil er wusste: Angst fressen Seele auf.

Aber nichts wäre fataler. Man darf Fassbinders Kino nicht verdängen, genauso wenig wie man Fassbinder nicht als Säulenheiligen verehren sollte. Beides führt uns an der Wahrheit vorbei. Einer Wahrheit, die uns der dänische Filmregisseur und -historiker Christian Baard Thomsen in seinem phänomenalen Dokumentarfilm Fassbinder - Lieben ohne zu fordern eindrücklich vor Augen führt.

Alles begann 1969: Da saß Thomsen im Berliner Zoopalast während der Berlinale und sah den Film eines unbekannten Debütanten: Liebe ist kälter als der Tod. Es hagelte Buhrufe. Das Publikum hasste den Film. Aber Thomsen nicht. Er war fasziniert von diesem regelbrechenden Werk. Er suchte die Nähe zum charismatischen Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Es war die erste Begegnung der beiden. Mit der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft, die Thomsen immer wieder mit der Kamera festgehalten hat. Diese filmgeschichtlich einzigartigen Aufnahmen verschwanden nach Fassbinders plötzlichem Tod in Thomsens Schrank, weil - wie er im Film sagt - er nicht wollte, dass das jemand sieht.

Jetzt ist diese Karenzzeit vorbei und Thomsen hat aus seinem privaten Material einen klugen, analytischen aber auch sehr persönlichen Film gedreht, in dem er sich dem Kino des Rainer Werner Fassbinder nähert. Der Dokumentarfilm funktioniert dahingehend wie eine Montage von Motiven aus Fassbinders Werk. Da sind zum Beispiel die vielen Mutterfiguren, die seine Filme bevölkern. Ein - laut Thomsen - rein freudscher Versuch, das Verhältnis zur eigenen Mutter zu verarbeiten. Das klingt vielleicht etwas vereinfacht, aber Thomsen verdichtet die wesentlichen Themen Fassbinders und verschränkt sie mit dessen Leben, sodass sich ein vielschichtiger Einblick in dieses Schaffen ergibt.

Dabei verzichtet Thomsen auf den Anspruch der Vollständigkeit. Er reduziert seine Interviewpartner auf drei enge Mitarbeiter Fassbinders. Den Rest trägt die innige Freundschaft der beiden und ein Interview mit Fassbinder, das Thomsen 1977 in Cannes aufgezeichnet hat. Fassbinder ist da schon sehr aufgedunsen, überarbeitet, übernächtigt. Kraftlos sitzt er im Stuhl. In seiner rechten Hand ein Drink. Er wirkt gereizt und aggressiv, macht Thomsen Vorwürfe. Fassbinder will nichts erklären. Schon gar nicht seine Filme. Jeder Deutung kommt er mit einer eigenen Interpretation zuvor. Dabei entstehen immer wieder sehr spannende Widersprüche, die jede vereinfachte Erklärung verhindern.

Was aber Fassbinder - Lieben ohne zu fordern besonders gelingen lässt, ist Thomsens Blick auf Deutschland und das deutsche Kino. Es braucht diesen Blick von Außen, der uns verwundert fragt: Denkt ihr denn nicht mehr an Fassbinder? Habt ihr denn nichts begriffen? War dieses Opfer vergebens?

Und aus diesem Wust der Fragen erwächst natürlich die traurige Erkenntnis, dass dieses Land schon mal weiter war: Weiter in der Art, wie man Filme machte, wie man sie sah und sie ins eigene Leben integrierte. Ja, wir waren alle weiter. Nach diesem Film will man jedenfalls keine Til Schweiger- oder Förderoasen-Diskussionen führen. Man will sich sehnsüchtig an den Gedanken klammern, dass deutsches Kino auch heute noch relevant sein müsste, ohne zum reinen Volksbelehrungskurs mit anschließender Günther Jauch-Diskussion zu verkommen. Im Prinzip ist das die Sehnsucht nach einem Kino, das wir lieben können, ohne etwas anderes zu fordern. Mehr denn je erscheint dieses Begehren utopisch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/fassbinder-lieben-ohne-zu-fordern