Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten

Eilis

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Brooklyn ist die hinreißende Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colm Tóibín, in dem er aus Eilis' Perspektive von dem Leben und Möglichkeiten einer jungen Frau in den 1950er Jahren erzählt. Im Roman und im Film werden die üblichen Stationen einer Entwicklungsreise abgehandelt, dabei besticht das Buch insbesondere durch die Innenperspektiven, in denen Eilis' Heimweh, ihre Sorgen, die Erwartungen ihrer Schwester nicht zu erfüllen, und ihre Unsicherheiten deutlich werden. Glücklicherweise übersetzen Drehbuchautor Nick Hornby und Regisseur John Crowley diese Gedanken nicht mittels Voice-over – nur am Ende des Films wird dieses erzählerische Mittel effektvoll eingesetzt –, sondern vertrauen stattdessen zur Gänze auf die Bildsprache sowie ganz besonders auf die Ausdruckskraft ihrer Hauptdarstellerin. Saoirse Ronan vermag mit nur einem winzigen Wechsel in der Mimik auszudrücken, wofür sonst viele Worte notwendig wären. Sie verkörpert diese junge Frau in unaufdringlicher Perfektion. Dabei ist Eilis auf gewöhnliche Art und Weise eine ungewöhnliche Frau: Sie sucht nicht das Abenteuer, vielmehr wird sie von ihrer Schwester in eines hineingeworfen, weil Rose möchte, dass Eilis mehr Perspektiven hat als zu heiraten. Oftmals erscheint Eilis zögerlich und zurückhaltend, scheinen andere über ihr Leben zu bestimmen. Aber sie strahlt eine große Ruhe aus, die zunehmend zur Selbstsicherheit wird. Unterstützt wird Saoirse Ronan hierbei von einer feinen Besetzung, aus der insbesondere Emory Cohen und Domnhall Gleeson als ihre beiden Verehrer herausragen.

Allzu leicht hätte Brooklyn im Kitsch versinken können, aber der Film ist mit einer fast altmodischen Ruhe und Sorgfältigkeit inszeniert, in der der Score von Michael Brook über weite Strecken des Films unaufdringlich eingesetzt wird, die Kamera von Yves Bélanger (Dallas Buyers Club) beinahe beiläufig Details einfasst und das Drehbuch nur scheinbar belanglose Einzelheiten wie Tonys (Emory Cohens) Football-Begeisterung enthält, die sowohl zu seiner Charakterisierung als auch zur Beschreibung des Lebens im Brooklyn der 1950er Jahren beitragen. Dennoch ist der Film entgegen seines Titels kein vollständiges Porträt von Brooklyn, sondern er rückt – ebenso wie der Roman – Eilis in den Mittelpunkt. Sie ist in fast jeder Szene zu sehen und die Stadt ist überhaupt erst mit ihr und durch sie zu erfahren. Dadurch wird ihre Entwicklung nachvollziehbar: Sie ist anfangs eine Fremde in Brooklyn, muss sich erst an das Leben in der Pension der gestrengen Mrs. Kehoe (Julie Walters) sowie die Größe des Viertels gewöhnen. Durch ihren Weggang wird sie zudem zu einer Fremden in Enniscorthy. In der damaligen Zeit war es ungewöhnlich, dass Menschen wieder zurückkehrten – es sei denn, sie waren in den USA alt geworden. Doch Eilis hat einen Grund – und bei ihrer Rückkehr genießt sie sowohl die Bewunderung, die allem Neuen entgegengebracht wird, sie erlebt aber auch die Einsamkeit derjenigen, die nicht mehr vollends dazu gehören. Dadurch erzählt der Film auch von den Erfahrungen der Emigration.

Und wenngleich der deutsche Titelzusatz "Eine Liebe zwischen zwei Welten" darauf hindeutet, ist Brooklyn kein "Finding Mr. Right"-Film. Hier gibt es wie im wahren Leben nicht nur eine Möglichkeit zum Glück. Somit ist Brooklyn aufgrund der sorgfältigen Zurückhaltung in der Inszenierung, des sehr gelungenen Drehbuchs von Nick Hornby und der sensationellen Hauptdarstellerin Saoirse Ronan ein sehr schönes, wunderbares, altmodisches Melodram.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/brooklyn-eine-liebe-zwischen-zwei-welten