The Revenant - Der Rückkehrer

Dead Man (Walking)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Ein Bach schlängelt sich durch einen Wald, funkelt in der Morgensonne. Drei Männer waten vorsichtig durchs Wasser. Der Erfahrenste unter ihnen, Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), legt seine Büchse an und nimmt einen Hirsch ins Visier. Sein Schuss macht der Idylle ein Ende. Wenige Meter entfernt taumelt ein Nackter ins Lager der Fell- und Pelzjäger, zu denen auch Glass und sein Sohn, das Halbblut Hawk (Forrest Goodluck), gehören – und wir sind mitten drin in einem Angriff. Pfeile füllen den Himmel, Beile wirbeln durch die Luft, Trapper gehen blutüberströmt zu Boden. In vollem Lauf springen wir zu einem Indianer aufs Pferd, stürzen mit dem tödlich Getroffenen in den Dreck, rappeln uns auf, flüchten schließlich mit den Trappern auf ein Boot und gleiten den trüben Fluss hinab. Eine Überdosis Immersion, wie sie selbst Superheldenfilme trotz oder gerade wegen ihrer Materialschlachten nicht verabreichen. The Revenant ist das Gegenteil: aufs Wesentliche reduziert und dadurch umso wirkungsvoller.

Glass rät, das Boot aufzugeben und die Felle am Ufer zu verstecken. Der Captain (Domhnall Gleeson) setzt auf dessen Erfahrung. Jahrelang hat der Fährtenleser mit den Indianern zusammengelebt, von ihnen gelernt. Doch nicht alle sind mit der Entscheidung einverstanden. John Fitzgerald (Tom Hardy) fürchtet um seinen Lohn. Als kurze Zeit später ein Grizzly unversehens aus dem Dickicht bricht und Glass halbtot beißt, tut sich für Fitz eine Chance auf. Um seine Börse aufzubessern, bleibt er gemeinsam mit Hawk und dem blutjungen Bridger (Will Poulter) beim Todgeweihten zurück. Doch statt auf Glass' Ableben zu warten, legt Fitz selbst Hand an. Als Hawk seinem Vater zu Hilfe eilt, bringt Fitz ihn um. Glass schaut machtlos zu, bevor Fitz ihn lebendig verscharrt. Doch der Gedanke an Vergeltung treibt ihn aus dem Grab und über Hunderte Kilometer hinweg durch den hereinbrechenden Winter.

Alejandro González Iñárritu hat seinem Film jenseits der Zivilisation angesiedelt. Die Vereinigten Staaten sind erst wenige Jahrzehnte jung, die Ureinwohner noch nicht vertrieben, die Natur noch nicht dem Kapital unterworfen. Dass diese raue Rachefantasie in Teilen auf wahren Begebenheiten beruht, ist nebensächlich. Iñárritus künstlerische Vision ist entscheidend. Er entwirft einen pechschwarzen Prä-Western voller Archetypen, wie sie das Genrekino liebt. Seine Protagonisten sind zwei Verwundete, die einander abstoßen und dennoch anziehen. Hier der naturverbundene Glass, der mit den Ureinwohnern in Frieden lebt und mit seiner Umgebung verschmilzt, auf seinen Streifzügen durch die Wälder in seinem Pelzmantel selbst wie ein Bär ausschaut. Dort der profitorientierte Indianerhasser Fitz, der mit der Natur sein Geld verdient: ein dunkler Vorbote des weißen Mannes und seines Kapitals.

The Revenant wirkt wie die Antithese zu Iñárritus frühen Filmen. Wo Amores perros (2000), 21 Gramm (2003) und Babel (2006) durch verschlungene Erzählstränge, eine Fülle an Figuren und Sprachen das Verständnis erschwerten, ist The Revenant glasklar. Hier gibt es nur eine Richtung: vorwärts. Wir folgen dem Helden aus dem Grab, erleben seine Heilung, Wandlung und Wiedergeburt. Iñárritu gelingt es, dem Genre noch neue, überwältigende Bilder abzutrotzen. Über weite Strecken fällt dabei kein einziges Wort. Dann sind wir in der Dunkelheit des Lichtspielhauses ganz allein mit dem Helden und der Wildnis. Abenteuerkino in seiner reinsten Form. Dieser Überlebenskampf ist auch ein Prozess der Zivilisation. Ans Ufer angeschwemmt kriecht Hugh Glass übers Land, richtet sich mühsam auf, geht erst auf einen Stock gebückt, bevor er schließlich wieder auf einem Pferd sitzen kann. Sein Antrieb ist ein Relikt seiner alten Persönlichkeit. Am Ende, nach einem furiosen, ebenso ausgeklügelten wie körperbetonten Showdown, hat er auch dieses hinter sich gelassen.

Mit diesem Film wirkt Iñárritu wie der Antipode eines anderen Regisseurs: Terrence Malick. Auch Iñárritu entfesselt die Kamera. Statt über von Menschenhand geformte, glitzernde Oberflächen gleitet sie bei ihm jedoch über unberührte Natur. Und auch bei Iñárritu geht es um ähnliche Themen: um ein angespanntes Vater-Sohn-Verhältnis, um Liebe, Hass, Tod, Spiritualität und Transzendenz. Doch statt die Frage nach den letzten Dingen in schwülstigen Monologen zu ertränken, lässt Iñárritu seine Bilder für sich selbst sprechen. Es sind dreckige, rohe Bilder, die mehr als einmal mit Schlamm, Blut oder Dampf die Leinwand besudeln. Und dennoch ist die Natur aus der sicheren Entfernung des Kinosessels betrachtet unendlich schön. Wer sich wie Hugh Glass und John Fitzgerald in sie hinauswagt, gelangt jedoch schnell an die Grenzen der eigenen Endlichkeit. Alejandro González Iñárritu ist mit seiner Kunst hoffentlich noch lange nicht am Ende.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-revenant-der-rueckkehrer