Dorf der verlorenen Jugend

Melancholie in Bildern

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Die junge Sara (Hannah Murray) zieht mit ihrem Vater Dave (Steven Waddington) von Bristol wieder in ihre Heimatstadt Bridgend. Dave ist Polizist und soll die mysteriöse Selbstmordserie untersuchen, unterdessen versucht sich Sara in der Stadt einzuleben. Sie haben ein enges Verhältnis, werden zusammengehalten von einem Ereignis in der Vergangenheit, das niemals enthüllt wird. Schon früh wird zudem angedeutet, dass Sara um die Aufmerksamkeit ihres Vaters buhlt. Doch dann schließt sich das new girl in town zögerlich einer Clique an, die sich vor allem an einem See im Wald trifft, raucht und trinkt. Sie kannten den Jugendlichen, der am Anfang gefunden wurde. Sie kannten einige der Opfer – und einige von ihnen werden sich im Verlauf des Films ebenfalls das Leben nehmen.

Sechs Jahre lang hat Regisseur und Drehbuchautor Jeppe Rønde die Jugendlichen aus der Gegend begleitet und das Drehbuch für sein Spielfilmdebüt basierend auf ihren Erzählungen geschrieben. Dadurch ist Dorf der verlorenen Jugend insbesondere in der Darstellung der Teenager stark: Zwischen ihnen herrscht auf der einen Seite ein starker, stabiler Zusammenhalt, auf der anderen Seite wird er aber mit gewalttätigem Druck erreicht. Jedoch wird die Unverständlichkeit ihrer Situation in starke Bilder von fast verzweifelten Feiereien und Mutproben gefasst. Denn diese Teenager haben die normalen Probleme eines Heranwachsenden, zu denen unglückliche Schwärmereien, Eifersucht, Prahlerei und Unsicherheit gehören, noch dazu aber müssen sie sich mit geballtem Verlust auseinandersetzen. Allein schon der Selbstmord eines Freundes ist schwierig zu verarbeiten. Aber hier sind es viel mehr.

So stark das Drehbuch und der Film auf der Ebene der Teenager sind, so schwach ist es bei den Erwachsenen. Das zeigt sich schon an der Ausgangssituation, in der ein Vater mit seiner Teenagertochter ausgerechnet in eine Stadt zieht, in der sich Teenager reihenweise umbringen, und dann darauf vertraut, sie werde schon zurechtkommen. Auch die anderen Eltern sind äußerst passiv, sie sind entweder desinteressiert oder überfordert, aber kein Erwachsener scheint ernsthaft daran interessiert zu sein, den Jugendlichen oder auch nur seinem Kind helfen zu wollen. Vermutlich werden die Erwachsenen aus der Perspektive der Jugendlichen auf diese Weise wahrgenommen, aber sie hätte gelegentlich durchbrochen werden sollen. Dann wäre auch die letzte Viertelstunde weniger repetitiv und verklärend geworden.

Aber Rønde geht es gar nicht um Erklärungen und das Erforschen von Verhalten. Vielmehr konzentriert sich Dorf der verlorenen Jugend ganz auf die Atmosphäre in diesem Ort, die meisterhaft durch die Musik von Mondkopf, die langsame Erzählweise und insbesondere die Kameraarbeit von Magnus Nordenhof Jønck eingefangen wird. Seine Bilder sind gleichsam realistisch wie mystisch, durchsetzt mit natürlichem Licht. Dabei arbeitet er mit leichten Unschärfen, die die Ungenauigkeiten der Vorkommnisse widerspiegeln, verbindet eine realistische Handkamera mit mystisch-überhöhten Motiven. Hier verbinden sich Sozialrealismus und Horrorfilm, Erdigkeit mit Unerklärlichkeit. Dadurch ist die wachsende Verzweiflung in Sara zu spüren, die die Unsicherheit der Geschehnisse auslöst.

Durch die Bilder und die Musik wird man in diese Stadt versetzt, so dass man erfährt, wie es wäre, an diesem Ort zu leben: freudlos, öde, finster, bedrückend und aussichtslos. Sofern man sich daher auf die langsame Erzählweise und die Stimmung in diesem Film einlassen kann, kann man sich in dieses Leben einfühlen. Insgesamt ist es jedoch weder die Geschichte noch der gesamte Film, der in Erinnerung bleibt. Vielmehr besteht Dorf der verlorenen Jugend vor allem aus Bildern, die man nicht vergisst.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/dorf-der-verlorenen-jugend