Babysitter (2022)

Von Männern und Frauen

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Es ist schwer, ein Mann in den heutigen Zeiten zu sein. Cédric (Patrick Hivon) kann ein Lied davon singen. „Meine Frau nervt mich. Bin ich deswegen frauenfeindlich?“, fragt er nicht ohne Hohn in der Stimme. Cédric wurde wegen eines missglückten sexistischen Spruches, das im Internet die Runde gemacht hat, von seiner Arbeit suspendiert. Er hat während der Übertragung eines Boxkampfes, die Reporterin vor Ort umarmt und gerufen: „Ich liebe dich, Chantal.“ Seitdem geht er wie auf rohen Eiern.

Sein Bruder Jean-Michel (Steve Laplante) zeigt sich wenig beeindruckt; das musste so kommen. Gegenüber Cédric gibt er sich abklärt und erklärt, was man tun und lassen muss, wenn man respektvoll mit Frauen umgehen will. Natürlich kommt im weiteren Verlauf heraus, dass er genauso überfordert ist wie Cédric selbst. Was Jean-Michel aber ganz sicher weiß, ist, wie man das Thema marketingtechnisch erfolgreich nutzt. Er rät Cédric, aus dem anfänglichen einzelnen Entschuldigungsschreiben an die Moderatorin einen ganzen Sammelband mit Briefen zu machen. Diese könne er an alle berühmten Frauen richten, an denen er sich mit misogynen Gedanken „vergriffen“ habe. Jean-Michel erklärt sich bereit, ihm dabei zu helfen – vielleicht springt dabei ja auch ein wenig Ruhm für ihn selbst, einen Journalisten mit Ambitionen, ab.

Wie tiefsinnig diese Gesellschaftssatire der franko-kanadischen Regisseurin Monia Chokri, die eine der Hauptrollen, Cédrics Frau Nadine, übernimmt, wirklich ist, dämmert einem erst nach und nach. Bereits der Titel Babysitter ist irreführend, denn die junge Frau (Nadia Tereszkiewicz), die in dieser Funktion tatsächlich in die Familie kommt, spielt zwar eine wichtige Rolle, doch eigentlich geht es um etwas anderes. Die Figur ist nur Mittel zum Zweck. Das Kindermädchen steht für Ablenkung, für die Ablenkung, der sich die Männer in der Geschichte bereitwillig hingeben. Würden sie „den“ Frauen wirklich etwas zurückgeben wollen, würden sie damit beginnen, sie zu fragen, was diese überhaupt wollen. Stattdessen wissen sie auch das besser als die Frauen selbst. Dabei müsste sich Cédric nur umsehen. Die gleiche Kritik richtet Chokri im Übrigen an die Gesellschaft als Ganzes. Wie Cédric versteckt man sich oft, hinter zwar spektakulären, groß angelegten, aber hohlen Gesten, die rhetorisch die Wogen glätten sollen, aber im konkreten Diskurs kaum relevant sind oder keinen echten Beitrag zu einem tatsächlichen Umdenken leisten.

Was Cédrics Frau braucht, ist Hilfe im Haushalt, Hilfe bei der Betreuung der gemeinsamen Tochter. Aber nein, Cédric engagiert eher einen Babysitter, nachdem er nur wenige Minuten alleine mit seinem Kind verbringen muss. Er hat eben eine wichtigere Aufgabe, eine, die sein Ego mehr streichelt. Er startet einen verzweifelten Versuch, der Welt zu beweisen, dass er nicht auf die Rolle der Frau hinunterschaut, doch ist er nur damit beschäftigt, seine eigene Position zu legitimieren.

Die Figur der Babysitterin könnte man als imaginierte seelische Betreuerin Nadines verstehen. Es ist durch sie, dass Nadine sich von ihren Ängsten nicht zu genügen befreit. Sie findet zurück zu ihrem Körper und damit den entscheidenden Zugang zu ihrer Tochter. Für die beiden Brüder könnte, die von Nadia Tereszkiewicz mit einer Mischung aus natürlichem Charme, ein wenig Naivität und beträchtlichem Selbstbewusstsein gespielten Amy, ein Streich des Unterbewusstseins verkörpern. Wie attraktiv darf eine Frau sein, wenn sie nicht zu einem Objekt der Begierde reduziert werden will? Liegt die Verantwortung darüber, wie Männer Frauen behandeln, nicht etwa bei der Frau?

Ob real oder nicht, Amy hat eindeutig etwas Enigmatisches und Übersinnliches an sich, was der Film ohne Spezialeffekte, aber durch gezielte Aussparungen unterstreicht. Die Figur erscheint immer nur dann, wenn sie gebraucht wird. Sie bekommt keinen eigenen Kontext. Das ist ohnehin eines der beliebten dramaturgischen Mittel Chokris. Sie zeigt immer nur das Wesentliche ; es gibt keine Füllbilder, nichts Überflüssiges. Das gilt auch für die Rahmung der Bilder. Meist bewegt sich die Kamera sehr nahe an den Gesichtern, der Raum um sie herum wird nur minimal sichtbar. Durch einen schnellen Schnitt dynamisiert sie das Bild, das präzise komponiert ist und leicht körnig aussieht. Diese Körnigkeit gibt dem Film eine gewisse Retro-Ästhetik, die sich auch in der allgemeinen Ausstattung und der Kleidung wiederfindet.

Durch die Konzentration auf nur wenige Schauplätze bekommt Babysitter zudem den Charakter eines Kammerspiels. Das passt auch insofern, als Chokri ein Theaterstück der ebenfalls Franko-Kanadierin Catherine Léger verfilmt hat. In der Behandlung des Stoffes zeigt sich eine Nähe zum Theater in dem Gewicht, das auf der Textebene liegt.

 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/babysitter-2022