Lichtes Meer

Yo Ho, and Up He Rises

Eine Filmkritik von Patrick Holzapfel

Im Zentrum des Films steht der junge Marek, gespielt von einem arg orientierungslosen Martin Sznur. Er träumt vom Meer, er träumt von der Liebe. Marek wird uns in einer Voice-Over-Erzählung durch die Handlung führen. Manchmal vermag diese Erzählstimme eine Brüchigkeit und zusätzliche Sensibilität in die mal atemberaubenden, mal zu offensichtlichen Bilder des Films legen, oft wirkt sie aber wie ein unnötiger Scheinwerfer, der die Ambivalenz des Matrosenflirrens aufklärt. Marek ist Matrose in Ausbildung auf einem Containerschiff. Schon beim Warten auf das Schiff am Ufer lernt er den französischen Seemann Jean (Jules Sagot) kennen. Sie arbeiten auf einem riesigen Containerschiff, das über St. Nazaire nach Montoir-de-Bretagne in Richtung Antillen nach Martinique fährt, und beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Dabei scheint es Jean nur um den Sex zu gehen, während Marek, der sich auch selbst finden muss, mehr will.

Butzmühlen gelingt hier eine spannende Annäherung zwischen einem sexuellen Verlangen und der Weite des Meeres. Beide tragen in sich ein Versprechen der Unendlichkeit, beide sind – oder besser waren – ein häufiges Motiv der Kunst- und Filmgeschichte. Man denke an Filmemacher wie Jean Epstein, der zu seiner Liebe zum Atlantik einzig ein Pendant in seinen Nahaufnahmen von liebenden Frauen fand. Der Fokus liegt hier auf der Vergangenheitsform, da Butzmühlen sich der Schwerkraft seines Unterfangens durchaus bewusst ist. Wir haben hier keinen Filmemacher, der wie so viele andere einfach Vorbilder kopiert, sondern einen, der Bilder aus der Filmgeschichte aufgesogen hat und daraus eine eigene Sprache filtert. Diese geht nicht immer in Gänze auf, aber sie trägt dasselbe Versprechen, dieselbe Sehnsucht in sich wie Lichtes Meer. Ein Motiv dieser Engführung findet sich im Unterwasserrauschen auf der Tonebene, durch die alles ein wenig entfernt und doch zärtlich-hypnotisch wirkt. Auf Bildebene bringt der Film Unterwasseraufnahmen in eine strukturelle Nähe mit einer Sexszene. Es ist ein Eintauchen in diese Liebe, in das Meer. Dabei wahrt Lichtes Meer eine notwendige Distanz, die diese Doppelung erst zulässt.

Leider ist der Film nicht immer derart subtil. Vom Austernessen bis zu einem äußerst direkten Kickerspiel lässt der Film bereits vor dem Beginn der Schifffahrt zu wenige Zweifel an den Motivationen seiner Figuren, obwohl er doch sonst größtenteils auf unnötige Psychologisierungen verzichtet. Es ist ein schmaler Grat, aber Lichtes Meer hätte durchaus das Potenzial, alles über solche Bilder zu erzählen, wie jenes von Marek im Halblicht seiner Kajüte. Das liegt auch daran, dass der Filmemacher es wie bereits in seinem Erstling Sleeping Knights versteht, Körper und Körperlichkeiten zu filmen, und sich in ihnen und der schieren Präsenz ihres jugendlichen Appetits zu verlieren. Es erübrigt sich fast zu sagen, dass ihm dies auch mit dem Meer und dem Schiff selbst gelingt, die er ganz ähnlich wie Peter Hutton in At Sea als eigenen Körper betrachtet. Es ist beeindruckend, wie der Film aus seinem melodramatischen Begehren immer wieder in eine Dokumentation über das Leben auf dem Schiff kippt, ohne dabei an Atmosphäre zu verlieren. In der zweifelsohne herausragenden Szene des Films legt sich das rudimentäre Handlungsgerüst endlich schlafen und die Bilder machen Liebe mit dem Meer zu Puccinis Arie aus Madame Butterfly. Dabei spiegelt das Drama von Bild und Musik beständig das Innenleben von Marek. Selbst kann er es nicht kommunizieren, aber der Film mit seinem Mut zur Emotion traut sich, dem jungen Mann eine Stimme zu geben.

Während der Reise liest der junge Mann rauschhafte Passagen aus Pêcheur d'islande von Pierre Loti, und es finden sich auch Spuren des Romans im Voice-Over. Hinzu kommen zahlreiche wirklich großartige Songs, die die rauen Herzen des Seemannlebens zum Schmelzen bringen. Gleichzeitig aber existiert hier eine Alltäglichkeit, die das alles nicht zulässt. Man könnte sagen, dass der Film eine wahre Coming-of-Age-Geschichte ist, weil er beständig die Träume eines jungen Mannes mit den Realitäten konfrontiert. Es gibt hier einen unschuldigen Faschismus der Liebe, eine bezaubernde Gischt, die einen vernichten würde, und einen Schritt in die Einsamkeit, wenn man sich hingibt. Was den Übergang so schwer macht, sind die exotischen und fiebrigen Kulissen des Films, der schließlich das Meer für einige Zeit verlässt und in einem Apichatpong-Urwald samt Glühwürmchen und einer schwitzenden Verlorenheit landet. Hier steckt vielleicht noch ein anderer Film, der nicht so ganz in die Matrosenwelt passen will, weil die aufrichtige Liebe zum Meer damit nur zu einem Aspekt der Exotik und des gespiegelten Innenlebens wird, obwohl der Film doch so selbstbewusst in die Welt der Matrosen hineingeht.

Was bleibt, ist ein verstellter oder eingesperrter Blick aufs Meer aus einem Hotelzimmer. Der nackte und einsame Körper von Marek dreht sich weg vom gleichgültigen Ozean und verschwindet aus dem Bild. Wir verharren auf dem Potenzial dieser ewigen Welt, und wie in Gustave Courbets Gemälde Marine, wenn auch deutlich nüchterner, fühlen wir, dass wir diesen Horizont nie erreichen werden.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lichtes-meer