Der Müllhubschrauber

Kaurismäki trifft auf Jarmusch

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Mit seinem Film Der Müllhubschrauber, sagt Regisseur Jonas Selberg Augustsén, wollte er ausprobieren, was passiert, wenn man klassische dramaturgische Mittel zur Verfügung hat, das dramatische Level aber zu einem absoluten Minimum führt. Tatsächlich ist sein Film vor allem aufgrund dieser formalen Eigenheiten interessant, die leicht an vermeintlich typischen knorrig-absurden Humor eines skandinavischen Regisseurs wie Anderson, vor allem aber an Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch erinnern. In seinen Schwarzweißbildern verbindet Augstsén Lakonie und bizarren Alltag, zudem passiert den Geschwistern einem Road-Movie gemäß auf dem Weg zur Großmutter allerhand: Sie überfahren eine Kuh, geraten in ein Rennen zwischen einem Saab und einem Volvo, Enesa wird zurückgelassen und schließlich werden sie zu unfreiwilligen Fluchthelfern bewaffneter Kunstdiebe.

Diese Episoden, stets durch einen schwarzen Zwischenschnitt getrennt, lassen die Geschwister mit stoischem Gesichtsausdruck über sich ergehen – so wie sich auch die Inszenierung jeglicher dramatischer Akzentuierung oder nur Veränderung des Tempos sowie der Kameraeinstellungen verweigert. Dadurch entsteht innerhalb des Films ein Tonfall, in dem gleichermaßen Raum für komische wie nachdenkliche Momente ist. So kontrastiert der Besuch auf dem Bauernhof nach dem Kuh-Unfall das Leben der Geschwister mit einer schwedischen Postkartenidylle lauwarmer Nächte vor Holzhäusern – und besucht Enesa wenige Szenen später eine Holocaust-Ausstellung, als sie von ihren Brüdern versehentlich zurückgelassen wird.

In Der Müllhubschrauber geht es immer auch um das Thema Identität. Der Film ist in der Sprache der Roma gedreht und Teil eines Projekts Augustséns, fünf Filme in den fünf Minderheitensprachen Schwedens zu machen. Von jedem werden die Geschwister indes auf Englisch angesprochen, jedes Mal erwidern sie, sie würden Schwedisch sprechen. Das ist ein bitterer running gag wie ein Verweis auf die vermeintliche schwedische Offenheit, die Vorurteile gegen Einwanderer umfasst.

Aufgrund der ruhigen Inszenierung, der anspielungsreichen Schwarzweißbilder sowie knappen Sätze bietet Der Müllhubschrauber viele Ansätze für Interpretationen in jegliche Richtungen: Der Film kann eine Verbeugung vor Jim Jarmusch sein, vielleicht auch vor Ari Kaurismäki oder beiden, es geht um Minderheiten, Identitäten, Kreuzworträtsel und Käsehobel. Aber diese intrepretatorische Offenheit sollte nicht darüber wegtäuschen, dass der Film vor allem eine formale und inszenatorische Spielerei ist, der insgesamt ein Ziel fehlt und die Originalität vielfach eher behauptet denn zeigt. Wie die Uhr der Großmutter oder der titelgebende Hubschrauber scheint dieser Film einfach immer weiter zu gehen – ohne Hast, aber auch ohne klares Ziel vor Augen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-muellhubschrauber