Sex & Crime

Die Nackten und die Toten

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Wenn alles verloren, wenn kein Ausweg mehr offen scheint, kommt Müller mit einer Rückblende daher, die neue, überraschende Informationen bringt, die unsere Sichtweise – und die der Figuren – auf das Geschehen wiederum umstürzt. Und während der Rückblende hat sich auch die reale Situation der Toten und Nichtsototen weiterentwickelt … Irgendwann ist der Zuschauer daher auf alles gefasst, weil bei diesen Typen, in diesem Film alles möglich ist.

Müller hat nicht nur die – sagen wir mal – Coens und Tarantinos dieser Welt studiert, sondern offensichtlich auch die Originale des Film Noir. Er kondensiert all die Elemente der Schwarzen Serie in seine 75-Minuten-Filmerzählung, fast eine Art Anthologie: Licht und Schatten, lauernde Unmoral, verratenes Vertrauen, der naive straight man, einige femmes fatales, ein perfider Mordplan und diverse Gegenpläne. Und stets eine Atmosphäre der Fragilität, der Brüchigkeit dessen, was bisher als Wirklichkeit gegolten hat.

Diese ganze Noir-Thriller-Thematik gießt Müller als Komödie auf, mit lächerlichen Figuren, die ernsthaft in der Scheiße stecken, mit überraschenden Wendungen, die in perfekten Pointen daherkommen, mit einigen witzigen Gags, die sich einbetten in die Story von Theo und Valentin.Ersterer, der Romancier, ist ein Weichei mit Herzfehler, der sich in der Bar Hagebuttentee bestellt; letzterer ein Versicherungsmakler, der sein Leben anpackt, auch wenn's über Leichen geht. Zwischen ihnen, wie sich herausstellt: Theos Frau Katja (Pheline Roggan), die sich mit Valentin vergnügt. Und über allem: Diese halbnackte Tote Mörli (Claudia Eisinger), die im Wohnzimmer liegt – und dort dann irgendwann nicht mehr liegt.

Mit gutem Gespür für Timing lässt Müller die filmischen Stimmungen wechseln, mal popbunt, dann düster schattig, mal sonnendurchflutet, dann fast monochrom. Er weiß um die Standards, ja, Klischees seines Genres und setzt sie sicher ein. Natürlich grollt ein Gewitter in der Nacht, und ein Blitz erhellt die Leiche von Mörli. Dann steht der überwachungspsychopathische Nachbar vor der Tür, Ex-Polizist und entsprechend bedrohlich: ein weiteres dieser Schräubchen, die immer weitergedreht werden. Und zwischendurch ein paar Nebenstories, die die Filmfiguren erzählen, die in sich schon wieder ganz eigene Filmstoffe ergeben würden.

Wie sein Protagonist Theo steckt Müller voller Erzähllust. Und auch wenn sein Film nicht der große gesellschaftlich relevante Wurf ist: Ein Anfang ist gemacht als Filmemacher, der sein Medium beherrscht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sex-crime