The Intervention

Kleiner Frust, große Gefühle

Im Ferienhaus ihrer Familie versammelt Jessie (DuVall) daher all ihre Vertrauten: ihre Lebenspartnerin Sarah (Natasha Lyonne), das bisher unverheiratete Paar Annie und Matt (Melanie Lynskey und Jason Ritter) sowie den jungen Witwer Jack (Ben Schwartz), der seine neue Freundin Lola (Alia Shawkat) mitbringt. Jessies Schwester Ruby (Cobie Smulders) und deren Gatte Peter (Vincent Piazza) sind die Zielpersonen der titelgebenden Intervention. Im Laufe des Wochenendes wird jedoch rasch deutlich, dass auch alle anderen Anwesenden erhebliche (Beziehungs-)Probleme haben – und womöglich nicht nur Ruby und Peter ihre Lebensentwürfe kritisch hinterfragen sollten.

Filme wie The Intervention sind in erster Linie auf zwei Dinge angewiesen: gehalt- und humorvolle Dialoge sowie Schauspieler_innen, die sich die Dialogbälle gekonnt zuwerfen können. Erfreulicherweise verfügt DuValls Arbeit über diese beiden Voraussetzungen. Das Skript enthält zahlreiche clevere, witzige One-liner; dennoch meint man als Zuschauer_in nicht unentwegt, das Papier rascheln zu hören. Das gesamte Ensemble liefert überzeugende Performances, die allenfalls ein bisschen "drüber" sind: Man glaubt diesen Figuren, dass sie sich mögen und lieben, ihr Bestes geben und doch allzu oft das Gefühl haben, dies reiche einfach nicht aus, um sich und andere glücklich zu machen. Gewiss kann man die Ängste und Sorgen der Gruppe überwiegend als Luxusprobleme bezeichnen; schon allein das Setting – das großräumige Urlaubsdomizil samt Garten – demonstriert, dass es sich um gut situierte Leute handelt, deren berufliche Tätigkeiten allerdings höchstens am Rande thematisiert werden. Dass man sich trotzdem für diese Personen interessiert, ist den Darsteller_innen zu verdanken, die größtenteils schon seit längerer Zeit auf der Kinoleinwand und/oder dem TV-Bildschirm präsent sind und hier beweisen können, dass sie weithin unterschätzt werden.

Dies gilt ganz besonders für Melanie Lynskey (Heavenly Creatures), die den neurotischsten Part einnimmt. Zwar sticht die von ihr verkörperte Annie als unbeirrbare Intervenientin hervor; sie will sich aber nicht eingestehen, dass sie ein massives Alkoholproblem hat. Ihr übermäßiger Genuss von Alkohol dient zunächst als Grundlage für reichlich Situationskomik – nie jedoch als Anlass für Klamauk-Nummern. Lynskeys Spiel lässt Hingabe erkennen; vor allem die Interaktion mit Clea DuVall als Jessie sorgt für schöne Momente einer langjährigen Freundschaft. Zu den weiteren Höhepunkten zählt eine leidenschaftlich vollführte und geschickt gefilmte Streitsequenz zwischen dem Paar Jessie und Sarah, die am Bootssteg beginnt, sich unter der Dusche fortsetzt und in einer Kussorgie im Garten gipfelt. DuVall und Natasha Lyonne – die bereits in der satirischen Coming-of-Age-Romanze But I'm a Cheerleader – Weil ich ein Mädchen bin (1999) zwei Liebende gaben und dort auch mit Lynskey zusammenarbeiteten – haben eine ganz ausgezeichnete Chemie. Insgesamt gesellt man sich gern zu dem Figurenoktett hinzu – ob beim Scharade spielen, beim Kickball oder beim Gedankenaustausch. Gegen Ende mag der Film in seinen Konfliktlösungen eine Spur zu brav sein; gleichwohl ist The Intervention ein gelungenes Debüt – und ein sehr willkommenes Wiedersehen mit dem immer noch großartigen Cheerleader-Trio.

(Festivalkritik Sundance 2016 von Andreas Köhnemann)

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-intervention