Alcarràs - Die letzte Ernte (2022)

Pfirsiche gegen Solaranlagen

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Alcarràs ist eine kleine Gemeinde in der katalanischen Provinz Lleida im Nordosten von Spanien, und das ist tiefste Provinz, sagt Regisseurin Carla Simón. Sie selbst kommt von dort, ihre Familie baut in der Region Pfirsiche an, aber das traditionelle Leben ist am Wackeln. Wie in Fridas Sommer nimmt die spanische Filmemacherin erneut Fundstücke aus ihrem Leben und macht daraus einen Film, der dokumentarische Kraft hat, vor allem aber eine überzeugende und wichtige Geschichte erzählt.

Im Zentrum von Alcarràs – Die letzte Ernte steht die Familie Solé, die seit jeher in der Landwirtschaft tätig ist und von der Obsternte lebt. Nun aber sollen sie ihr Land verlieren, denn der Eigentümer der Felder will sein Land zurück, um dort einen Solarpark zu errichten. Es bleibt ihnen der Sommer bis zum Ende der Ernte, dann können sie umschulen auf die Wartung von solaren Energieanlagen oder ihre Koffer packen.

Der Film zeigt, wie alle Familienmitglieder mit der unausweichlichen Situation, ihr bisheriges Leben und die bisherige Lebensgrundlage verändern zu müssen, umgehen. Großvater Rogelio (Josep Abad) versucht, Grundbesitzer Pinyol (Jacob Diarte) mit Pfirsichen und Feigen vom Baum, den dessen eigener Großvater gepflanzt habe, gütig zu stimmen. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) hält fast zwanghaft an seinem Beruf und der Tradition fest, auch wenn ihm eine körperlich weniger anstrengende Arbeit mehr als guttun würde, arbeitet er nicht selten über seine Grenzen hinaus und bis zum Umfallen.

Auch das thematisiert Alcarràs – wie so einige Filme in letzter Zeit, Das Land meines Vaters oder Alles, was man braucht: Dass die Landwirtschaft Schwerstarbeit ist, die nicht angemessen entlohnt wird, die Landwirte neben ihren körperlichen Leistungen die Belastung von Sorgen und Existenznöten aushalten müssen und gerade deshalb auch zugrunde gehen.

Mutter Dolors (Anna Otin) versucht, einen klaren Blick auf die aktuelle Situation zu bewahren und der Ruhepool innerhalb der Familie zu sein. Das gelingt ihr nicht immer, und man ahnt, dass sie eine der ersten in der Familie sein könnte, die sich um die Solarpaneele kümmert. Neben dem wirtschaftlichen Strukturwandel zeigt der Film auch, wie sich die Rollenbilder wandeln – auch wenn das nicht alle Beteiligten so sehen oder sehen wollen.

Carla Simóns Film ist – wie auch schon Fridas Sommer – ruhig und leise erzählt, sodass man sich voll und ganz auf die Figuren und ihre Situation einlassen kann. Alcarràs erzählt eine fiktive Geschichte, und doch hat man immer wieder das Gefühl, das Leben, wie es ist, die außerfilmische Realität auf dem katalanischen Land zu begleiten. Die dokumentarischen Anteile des Films sind auch dessen Stärke. Das Publikum lernt hier eine Familie kennen, die es so geben könnte und die exemplarisch für viele Bauern in Spanien steht. Man sieht ihnen in ihrem Alltag zu, fasst Vertrauen, beginnt, sie zu mögen – und nimmt deshalb Anteil an ihren Sorgen und ihrer Situation.

Die Kinder, Roger (Albert Bosch) und Mariona (Xènia Roset), suchen neue, ganz eigene und kreative Wege, um sich dem Wandel anzupassen, werden aber doch immer wieder von den Erwachsenen zurückgepfiffen. Und die kleine Iris (Ainet Jounou) ist zwar noch ein Kind, spürt doch aber, dass das glückliche Leben von einst bald ein anderes sein wird. Und gerade in ihr wird deutlich, wie traurig und schwierig die Entwicklung, die Alcarràs schildert, eigentlich ist. Weil sie den Kindern die unbeschwerte und natürliche Kindheit raubt. Und weil die Suche nach neuen Energien, die wir für unser modernes Leben benötigen, auch zur Folge hat, dass das Leben in und mit der Natur ein Ende findet.

 

 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/alcarras-die-letzte-ernte-2022