The Second Life - Das zweite Leben (2020)

Der Tod als neuer Anfang

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Die Profession der Taxidermie ist im Kino bisher eher mit dem Abgründigen verbunden. Zuallererst mag uns hier der persönlichkeitsgespaltene Norman Bates aus Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho" (1960) einfallen – und als Nächstes womöglich die von Nicole Kidman verkörperte Millicent Clyde, die es in "Paddington" (2014) auf den titelgebenden Bären abgesehen hat.

Dass dieses Handwerk jedoch rein gar nichts mit Psychopathie und Schurkerei zu tun hat, sondern vielmehr dazu dienen kann, an all die Tierarten zu gemahnen, die vom Aussterben bedroht sind, zeigt uns der belgisch-deutsch-italienische Dokumentarfilm The Second Life – Das zweite Leben. Der Autor und Regisseur Davide Gambino und sein Kameramann Dieter Stürmer begleiten darin drei Museumspräparatoren, die sich auf die Europäische Taxidermie-Meisterschaft 2018 in Salzburg vorbereiten.

Da ist etwa Maurizio Gattabria, der seit vier Dekaden am Städtischen Museum für Zoologie in Rom tätig ist. Er gilt als "italienischer Zauberer der Taxidermie" – und widmet sich nun einer verstorbenen Orang-Utan-Dame. Nicht einmal 70.000 Orang-Utans leben noch in freier Wildbahn, erfahren wir durch den Erzähler des Films. Eine Parallele zu Gattabria ist wiederum, dass auch er als Präparator "einer der Letzten seiner Art" ist: Seine Pensionierung steht bevor, die Nachfolge ist ungeklärt.

Während der für das Museum für Naturwissenschaften in Brüssel arbeitende Christophe de Mey zum ersten Mal an der Meisterschaft teilnimmt, ist der Europameistertitel für den in Berlin tätigen Robert Stein die letzte noch fehlende internationale Auszeichnung auf dem Gebiet der Taxidermie. Gelungen ist, wie der Film uns die drei Männer auch als Persönlichkeiten näherbringt. So heißt es über Stein beispielsweise, er verbringe vielleicht mehr Zeit mit diversen Vögeln als mit seinen Mitmenschen. Die Leidenschaft, die Gattabria, de Mey und Stein für ihr Metier empfinden, wird glaubhaft vermittelt. Oft studieren sie die Tiere über einen langen Zeitraum bis ins kleinste Detail, um diesen dann in ihrer Arbeit gerecht werden zu können.

Neben den erhellenden Einblicken in die Tätigkeit der drei Museumspräparatoren will The Second Life uns auch eine klare Botschaft liefern. Durch das von uns Menschen beeinflusste Aussterben von Tierarten drohen wir, eine biologische Vielfalt für immer zu verlieren. Das zentrale Trio des Films versteht sich gewissermaßen auch als Mediatoren: Gattabria, de Mey und Stein geben den Tieren, die sie konservieren, eine Stimme. Sie verleihen den Tieren eine nötige Sichtbarkeit. Der Regisseur bringt die Brücke zwischen der Menschheit und der Tierwelt, die durch die Taxidermie entstehen kann, perfekt auf den Punkt: "Taxidermisten in Museen erschaffen mit ihren geschickten Händen die Illusionen von eben jenem Leben, welches durch andere Menschenhände vernichtet wurde." Bei der Schaffung dieser Illusion zuzusehen, ist überaus faszinierend.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/the-second-life-das-zweite-leben-2020