Alles was kommt

Und plötzlich ist alles anders

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Und plötzlich, mitten im Leben, ist alles anders: Eben noch schien für die Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) alles in bester, bürgerlicher Ordnung zu sein: Seit 25 Jahren mit ihrem Mann (André Marcon) verheiratet, die Kinder mittlerweile erwachsen und aus dem Haus, das Lehrbuch über Philosophie in einem kleinen Verlag sorgt für Streicheleinheiten fürs Ego. Dazu ein junger Bewunderer, ein ehemaliger Schüler, der nun selbst Philosophie studiert und um ihren Rat fragt, wodurch sie sich selbst jung fühlt oder zumindest ein bisschen zugehörig zu den Diskursen der Jungen. So kann es weitergehen. Doch so geht es nicht weiter.
Knall auf Fall erfährt sie als Letzte in der Familie, was die Tochter längst weiß: Es gibt eine andere Frau im Leben des Vaters. Und von der Tochter zu einer Entscheidung gedrängt, verlässt er Nathalie, die zunächst gar nicht versteht, was da mit ihr passiert. Nun muss sie ihr Leben neu ordnen, denn auch die anderen Eckpfeiler ihres Daseins weisen plötzlich Risse und Brüche auf. Ihre Mutter (Elisabeth Scob), eine recht exzentrische Dame, wird zunehmend wunderlich, dann kränklich und depressiv und stirbt schließlich. Der Verlag ist nicht mehr zufrieden mit dem Verlauf des Buches und will etwas ändern. Und Fabien (Roman Kolinka), ihr junger Freund und Vertrauter, zieht weg von Paris, aufs Land in eine Kommune, und steht plötzlich nicht mehr als platonischer Trostspender bereit.

Nicht auszudenken, was für eine Herzschmerz-Schmonzette ein deutscher Regisseur hieraus womöglich gemacht hätte - in früheren Jahren hätte sicherlich Uschi Glas oder Senta Berger die Verlassene gespielt, in heutigen Tagen wohl eher Veronica Ferres. Man kennt das ja. Nicht so Mia Hansen-Løve, die seit ihrem letzten Film Eden mühelos eineinhalb Generationen übersprungen hat und sich nun den Malaisen einer Post-Midlife-Crisis widmet. Das macht sie très francais und ganz schön beiläufig und mit einem bekannten Zitat John Lennons als unsichtbarem Motto, das wie ein Schutzschild über Nathalie schwebt: "Live is what happens, while you're busy making other plans". Und so ist auch der Titel von Alles was kommt zu verstehen. Es passiert immer etwas Neues - und manchmal müssen dafür erst andere, vertraute Dinge gehen. Und am besten, man reagiert darauf mit Haltung und Gelassenheit - soweit einem dies eben möglich ist.

Folgt man Nathalies Vorliebe für Philosophie, so ist Alles was kommt vor allem eine Feier des Stoizismus und des am Buddhismus geschulten Fatalismus. Das muss man nicht unbedingt gut finden, weil es dem manchmal durchblitzenden revolutionär-jugendlichen Elan Nathalies, den sie immer noch in sich trägt, diametral entgegengesetzt ist. Und weil es bei aller Agilität der oftmals energisch ausschreitenden und austeilenden Philosophielehrerin zum Trotz dann doch den Eindruck saturierter Bürgerlichkeit vermittelt. Aber vielleicht ist das ja eine jener kleinen Beobachtungen und Miniaturen, die die Regisseurin für ihr Publikum bereithält: Der Schwung und die Begeisterungsfähigkeit sind Dinge, die im Alter langsam und fast unbemerkt abhandenkommen, so sehr man auch dagegen anredet und -philosophiert.

Will man es spitz formulieren, ist Alles was kommt zielgruppenoptimiertes Kino für die programmkinoaffine Zuschauerschaft 50+ vorwiegend weiblichen Geschlechts. Ein erstes und durchaus reifes Alterswerk der eigentlich noch recht jungen Filmemacherin Mia Hansen-Løve - und genau das überrascht dann doch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/alles-was-kommt