LenaLove (2016)

Teenage Wasteland

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

LenaLove – das ist der Chatname, den sich Lena zugelegt hat. Sie braucht jemanden zum Reden und da sie nun ihre Freundin Nicole (alias NiciNice) verloren hat, wendet sie sich den anonymen Weiten der Sozialen Netzwerke zu. Noah, das scheint ein richtig netter Kerl zu sein. Mit diesem Noah kommen wir dem Kern des Films am nächsten, der von Cybermobbing, von falschen Identitäten, von fehlgeleitetem Vertrauen erzählen will, von den Intrigen, die in dieser Teenagerwelt durch Social-Media-Kanäle nochmal einen weit größeren Resonanzraum finden. Noah ist aber auch der Anfang der Schwierigkeiten in und an diesem Film: Er ist nämlich nicht der, der er vorgibt zu sein. Und dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit eine Rachegeschichte, die eigentlich auf jemand ganz anderen zielt. Das ist erstens wahnsinnig kompliziert konstruiert und zweitens an den Haaren herbeigezogen. Und es ist drittens auch recht unnötig, weil es nur der Aufhänger dafür ist, dass sich im Folgenden zwei Intrigantinnen das Vertrauen von Lena erschleichen können. Zu diesem Punkt hätte man auch einfacher kommen können.

An diesem kleinen Beispiel zeigt sich schon das große Problem des Films: Er ist wahnsinnig überladen und dazu noch konfus erzählt. Zu all den Coming-of-Age-Problemen, dem Mobbing-Motiv, der Thematik des elterlichen Seitensprungs mit eingebauten obsessiven Eifersuchts-Emotionen kommt noch die Story um den Tanzverein, dem ein wichtiger Wettbewerb bevorsteht und in dem es zum Zerwürfnis mit dem Startänzer kommt ... Bei all dem geraten wir alsbald beinahe ins Schwimmen, wer eigentlich Hauptfigur sein soll, erinnern uns aber gottseidank rechtzeitig an den Filmtitel, bevor wir ganz verloren gehen im Gestrüpp der Figuren und Handlungen. Und fragen uns fortwährend, was denn nun als nächstes kommen wird, denn auf eine ganz eigentümliche Weise könnte in diesem Film fast alles passieren, weil die Dramaturgie keinen Halt gibt. Gleichzeitig ist er aber auch festgefahren in seiner teenageraffinen Welt, in der Unvorhergesehenes nicht vorgesehen ist: Alles bleibt innerhalb des Teenage Wasteland, in dem Regisseur Gaag schwelgt.

Die brave Sechzehnjährige mit ihrem verunsichert-aufgewühlten Innenleben; die Schulzicke; die Freundin, die zur dunklen Seite der Macht strebt; der sensible kleinkriminelle Mitschüler; die Figuren sind einfach gehalten und klar konturiert. Mehrere Handlungsstränge entwickeln sich parallel zueinander, aber ohne tiefere Berührungspunkte. Die Handlung ist einerseits vorhersehbar, andererseits fragt man sich, wohin sie noch führen soll: Dies alles sind Merkmale der Vorabendprogramm-Seifenoper, und – vermutlich ohne es zu wollen – wendet Florian Gaag sie alle in seinem Film an. Zwar ist die Optik um einiges opulenter – schon die Graffiti mit ihrem faszinierenden Grauen, die Gaag immer wieder prominent ins Bild setzt: vor zehn Jahren hatte sich sein Debüt Wholetrain mit dieser Szene intensiv auseinandergesetzt –; doch sehr viel tiefsinniger als eine überlange Soap-Folge ist LenaLove leider nicht geraten. Da helfen auch nicht die Adressen für Mobbing-Hilfe, die der Abspann bereithält.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lenalove-2016