Titane (2021)

Wild Thing

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es gehört zu den Gesetzmäßigkeiten des Filmfestivals in Cannes (und vielleicht liegt darin ja die eigentliche Berechtigung für das Spektakel, das häufiger und in vielerlei Hinsicht aus der Zeit gefallen ist), dass es in jedem Jahr den einen Film gibt, der einen umwirft und überwältigt, der alles andere in den Schatten stellt und der wirklich neue Sichtweisen ermöglicht oder vielmehr provoziert. In diesem denkwürdigen Pandemiejahr 2021 war dies ohne jeden Zweifel Julie Ducournaus wilder, freier und radikaler Film "Titane", der bei allen berechtigten wie unberechtigten Assoziationen an David Cronenbergs "Crash" weit über diesen hinausweist und der auf sehr beeindruckende Weise nicht nur einen Weg des Filmemachens in die Zukunft weist, sondern der zugleich ganz und gar gegenwärtig und auf der Höhe der Zeit ist. 

Bei einem Autounfall, den sie als kleines Mädchen gegen die Rückenlehme des Fahrerseitzes selbst mit provoziert, verliert Alexia beinahe ihr Leben und bekommt zur Stabilisierung des gebrochenen Schädels eine Titanplatte eingesetzt, die sie für den Rest ihres Lebens tragen muss. Das Leben mit dem rettenden Metall aber birgt Gefahren in sich, wie ein Arzt warnt: „Achten Sie auf neurologische Anzeichen“, sagt er nach dem Eingriff zu den Eltern, doch da ahnt niemand, wie sehr Alexia in späteren Jahren sich verändern wird. Und ob dies wirklich die Folge des titelgebenden Metalls ist oder nicht vielmehr einem Mangel an Elternliebe entspringt und nur fetischistisch auf das Titan umgeleitet wird, steht zumindest als Möglichkeit im Diskursraum, den der Film mit großer Geste entwirft. 

Jedenfalls fühlt sich Alexia später immer wieder zu Metall und monströsen Maschinen magisch hingezogen, sie strippt bei Autoshows, räkelt sich auf Motorhauben glänzender und verchromter Custom Cars, und da schon sieht es so aus, als habe sie nicht nur Sex auf den metallenen Oberflächen, sondern auch mit ihnen. Eine Vorwegnahme dessen, was wenig später geschehen wird, ein fiebriger, sexualisierter Traum in Schwarz, Neonfarben und Chrom. 

Neben ihrer Vorliebe für Metall und Maschinen gibt es noch einen weiteren bestimmenden Faktor in Alexias späterem Leben: Gewalt. Einem zudringlichen Fan bei einer Autoshow rammt sie einen Stab ins Ohr, als dieser ihr Nein nicht akzeptieren will, später killt sie sich zu lieblicher italienischer Schlagermusik durch ein Haus und befindet sich danach auf der Flucht vor der Polizei. Und von da an wird der Film dann - zumindest wenn man den Konventionen herkömmlicher Logik und erprobter Narrativik folgt - noch merkwürdiger, kruder und wilder, als er es bislang eh schon war. Denn Alexia nimmt die Identität eines seit vielen Jahren verschwundenen jungen Mannes an, verformt auf brutale Weise ihr Gesicht, schneidet sich die Haare, bindet sich die Brüste ab und sucht Unterschlupf bei dessen Vater Vincent Lindon), der als Chef einer Feuerwehrbrigade über sein eigenes kleines Reich herrscht, in dem er Gottvater ist (und Alexia als sein Sohn demzufolge Jesus). Allerdings lässt sich Alexias Schwangerschaft von dem Sex mit einem Cadillac immer weniger verbergen. 

Sofern man sich auf die (alb)traumhafte Logik von Titane einlassen kann (dies wird nicht jedem und jeder gelingen), ist Julie Ducournaus mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film sicher einer, den man am besten zwei-, drei- oder viermal schaut. Auf den ersten Blick hätte man solch einen Film wohl eher in der Reihe Midnight Screenings in Cannes vermutet als im sich gerne ehrwürdig gebenden Wettbewerb, doch so fühlte es sich an, als fege dieses rauschhafte Feuerwerk aus Farben, permanenten Grenzüberschreitungen und purem Adrenalin alles andere in einem bestimmt nicht schlechten Jahrgang einfach hinweg und lasse überhaupt nur begeisterte Zustimmung oder brüske Ablehnung zu. Ein Wirbelsturm von einem Film, nach dessen Ende man den Saal verlässt und ganz durcheinander ist ob dieser verrückten Welt, die man gerade betreten hat. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/titane-2021