Die Taschendiebin

Der zwiespältig schöne Schein

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

The Handmaiden ist Park Chan-wooks erster Kostümfilm und damit auf den ersten Blick nicht so ganz sein übliches Gefilde. Doch schnell sieht man, dass er das historische Setting nutzt, um einen ästhetischen und erzählerischen Rahmen für seinen Thriller zu schaffen, denn unter der glänzenden Oberfläche liegen viel menschlicher Abschaum sowie Leidenschaften, Verlangen und sexuelle Perversionen verborgen. Denn die feine japanische Dame ist gefangen in einem Haushalt mit ihrem perversen Onkel, der sie dazu zwingt, ihm und anderen Männern erotische Literatur vorzulesen. Wobei erotisch hier ein zu freundliches Wort ist. Vielmehr handelt es sich um gewalttätige Fantasien über die Unterwerfung von Frauen. Dementsprechend behandelt der Onkel auch Hideko. Als Frau hat sie sich unterzuordnen und zu tun, was er will. Bald will er sie heiraten, damit er ihr Geld und ihren Körper bekommt – gern auch gegen ihren Willen. Doch der Onkel bekommt nichts mit von den Intrigen, die hinter seinem Rücken laufen. Sookee kümmert sich als Dienerin rührend um Hideko, um ihr Vertrauen zu gewinnen – und dann geschieht etwas, womit keiner gerechnet hat. Die beiden Frauen sind voneinander angezogen und nach einigen leidenschaftlich aufgeladenen Momenten explodiert die Passion zwischen ihnen in einer Nacht voller lesbischer Liebe.

Die Filme von Park Chan-wook (Stoker, Old Boy) haben meist einen doppelten, manchmal gar dreifachen Boden. Daher argwöhnt man schnell, dass das erste Kapitel von The Handmaiden viel zu schnell und geradlinig erzählt wird. Und in der Tat gibt es im Film mehrere Kapitel, durch die "die Wahrheit" wieder und wieder auf clevere Art und Weise hin und her drehen und dadurch die Spannung zu halten und zu überraschen vermögen. Im Mittelpunkt bleiben aber die beiden Frauen, die sich zueinander hingezogen fühlen und die sich in dieser Welt voller Männer, die sie benutzen und behandeln, als wären sie nichts weiter als Fleisch, irgendwie behaupten und beschützen müssen.

Und genau hier wird es schwierig. Eindeutig legt er die Sympathien aller Figuren in den Schoß dieser Frauen. Die Männer werden relativ eindimensional und als stets nur auf ihren Spaß und Vorteil bedacht dargestellt. Die Frauen jedoch entwickeln sich weiter, sind vielschichtig, geheimnisvoll, aber auch angreifbar, emotional und verletzlich. Erzählt wird die Geschichte ebenfalls hauptsächlich aus ihrer Perspektive. Fast könnte man meinen, dass es sich bei The Handmaiden um einen Film handelt, der die Themen Misogynie und Missbrauch mit verhandelt. Doch die Szenen, in denen die beiden Frauen miteinander Sex haben, sind eindeutige, lang ausgewälzte, für Männer inszenierte Masturbationsfantasien. Sie sind hier ein Extra, ein geiler Schauwert, der gut aussieht, aber in dieser Art nicht nötig gewesen wäre, um die Geschichte voranzutreiben. Da hat sich Park Chan-wook halt etwas gegönnt. Und so führt er seine Schauspielerinnen vor und inszeniert sie geradezu pornomäßig vor der Kamera – in einem Film, der den Missbrauch von Frauen eigentlich anprangert. Das ist eine elende Bigotterie, die dem Film einen bitteren Nachgeschmack gibt, der ihn letztendlich viel von seiner Glaubwürdigkeit und auch seiner Schönheit raubt.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-taschendiebin