Szenen meiner Ehe (2019)

Smarter Seelenstriptease

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im Filmtitel klingt ein Werk Ingmar Bergmans an. Und auch bei Katrin Schlösser steht die szenische Sezierung einer Beziehung im Zentrum. Diese Ehe ist echt und Schlössers eigene. Zwischen 2015 und 2018 hat sie das Leben mit ihrem Mann Lukas Lessing mit der Kamera ihres Smartphones festgehalten. Einige Alltagssituationen, das Kennenlernen und Wiedersehen des Paares, hätte sich auch Bergman nicht besser ausdenken können.

War es Zufall? Schicksal? Ausnahmsweise schlägt sie an diesem Tag einen anderen Weg ein und da steht er. Zehn Jahre haben sie einander nicht gesehen. Spontan gehen sie essen und dabei fragt er sie, ob sie ihn heiraten wolle. Einfach so. Aus dem Nichts. Szenen wie aus einer romantischen Komödie, unrealistisch, im Grunde kitschig, und doch sind sie so passiert. Oder zumindest werden sie von Katrin Schlösser und Lukas Lessing so erinnert. Und weil das Paar nicht alles gleich erinnert und die eigene Beziehung stets mit Bedacht diskutiert, ist Schlössers Langzeitdoku alles andere als kitschig. Sie ist romantisch – auf eine erwachsene Art.

Der Dokumentarfilm wirft sein Publikum mitten hinein. Wie Katrin und Lukas sich kennenlernten – noch so eine Szene wie aus einer Romcom: bei einer Wohnungsbesichtigung, beide in einer Beziehung mit einer/m anderen –, wo sie leben (in Berlin und im Burgenland) und was sie arbeiten (sie ist Filmproduzentin und Professorin, er ist Schriftsteller), erfahren die Zusehenden erst sukzessive. Ein Dokumentarfilm wie ein Mosaik, das sich zu einem schönen, aber eben nicht zu einem in allen Farben funkelnden Ganzen zusammensetzt.

Dafür sind Katrins und Lukas' Leben zu gewöhnlich, ist ihre Herangehensweise an ihre Beziehung zu analytisch. Hier treffen zwei Intellektuelle aufeinander, die nicht am Streit, sondern an Lösungen interessiert sind. Gemeinsam und auf Augenhöhe. Ihre Probleme sind ganz alltäglich. Das Publikum kann problemlos daran andocken: Wo und wie wollen wir leben und arbeiten? Soll einer für die andere beruflich zurückstecken oder umgekehrt? Welchen Einfluss haben vergangene Beziehungen (und die daraus entsprungenen Kinder) auf die aktuelle?

Und immer wieder diese Situation: Katrin und Lukas setzen sich zusammen und reden aneinander vorbei, obwohl sie sich so viel Mühe geben einander zu verstehen. Die Zusehenden verstehen beide und verstehen gleichzeitig, warum sich die zwei manchmal nicht verstehen. Vielleicht sind Frauen und Männer in bestimmten Punkten doch von verschiedenen Sternen?

Das Smartphone schafft Nähe und erzeugt einige schräge Einstellungen. Nicht jedes intime Detail hat es in den Film geschafft. Und nicht immer läuft dabei die Kamera, weshalb sich der Film sehr ruhig ausnimmt. Manch hitzige Diskussion, bei der Geschirr zu Bruch ging, wird mit einem Augenzwinkern nachinszeniert, und dass es auch mal laut geworden ist, wird im Nachgang am Telefon besprochen. Trotz alledem oder gerade deswegen fühlt sich das Publikum diesen zwei Menschen näher als all den Instagram-Persönlichkeiten. Dieses Leben ist ungeschminkt. Katrin und Lukas machen sich nackt.

Mit zunehmender Laufzeit nehmen auch die Streitpunkte zu. Während Katrin viel, vielleicht zu viel über die Vergangenheit nachdenkt, hat Lukas damit abgeschlossen. Und während sie vielleicht zu viel auf ihren Bauch hört, hört er zu viel auf seinen Kopf. Die Pflege von Lukas' Mutter wird zu einer Belastung. Doch auch diese überstehen sie. 

Zwei Menschen, die über das Leben diskutieren, die miteinander verhandeln, gemeinsam lachen, weinen und tanzen, sich in guten und in schlechten Zeiten stützen – mehr braucht Katrin Schlösser nicht, um ihr Publikum bei der Stange zu halten. Am Ende entlässt einen dieser Film mit der Erkenntnis, dass Beziehungen harte Arbeit sind, aber eben auch mit dem Gefühl, dass sich diese Arbeit lohnt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/szenen-meiner-ehe-2019