Coma (2019)

Rauschhafte Erinnerung

Eine Filmkritik von Falk Straub

Russische Blockbuster haben es hierzulande schwer. Obwohl das Popcorn-Kino aus dem Osten mit westlichen Produktionen mithalten kann, kommt es häufig nur an ausgewählten Terminen in die Multiplexe. Viele dieser Filme setzen auf visuelle Überwältigung. Auch Nikita Argunovs Regiedebüt ist ein wahrer Bilderrausch. Kein Wunder, hat der Novize sein Handwerk doch in der Abteilung für Spezialeffekte gelernt.

Argunov fackelt nicht lang. Wenn die Hauptfigur, ein Architekt (Rinal Mukhametov), in seiner Wohnung erwacht, stehen die Münder im Kinosaal offen. Fotos, Möbel, der Fußboden, ja das komplette Gebäude scheinen von einem seltsamen Lochfraß befallen. Draußen stülpen sich Straßenzüge, Orte und ganze Welten übereinander. Atemberaubende Ansichten – irgendwo zwischen Christopher Nolans Inception (2010) und Juan Solanas' Upside Down (2013).

Wie Nolan und Solanas nimmt es auch Argunov mit der Logik nicht so genau. Gemeinsam mit seinen Co-Autoren Timofei Dekin und Aleksey Gravitskiy katapultiert er uns in eine Welt, deren abstruse Gesetzmäßigkeiten akzeptieren muss, wer Spaß an der Handlung haben will. Zeit zum Nachdenken bleibt aber sowieso keine. Kaum vor der Haustür, fangen Bewaffnete den Architekten ein und schleifen ihn mit. Weil sich keiner mehr an seinen Namen erinnern kann, tragen die Mitglieder des Trupps solch illustre wie Phantom (Anton Pampushnyy), Fly (Lyubov Aksyonova) und Tank (Vilen Babichev) und Klamotten, die wie eine Kostüm-Kreuzung aus Mad Max (1979) und Waterworld (1995) aussehen.

Wie der Filmtitel vermuten lässt, liegt der Protagonist im Koma. Das Drehbuch-Trio gibt dieser nicht ganz taufrischen Prämisse allerdings einen neuen Spin. Die fantastische Welt, die sich auf der Leinwand auftut, ist nicht die des Architekten allein. Die Erinnerungsfetzen aller im Koma liegenden Menschen sind wie ein neuronales Netz miteinander verwoben. Das behauptet zumindest Yan, den Schauspielgröße Aleksey Serebryakov als altväterlichen Anführer mit Abgründen anlegt.

So weit, so neu. Der Rest folgt altbekannten Pfaden. Zur Spannungssteigerung treiben monströse Gestalten ihr Unwesen, zu deren Abwehr es eines ständigen Nachschubs an Sprengstoff bedarf. Auf waghalsigen Missionen kommen sich der Architekt und Fly näher, plagt Phantom die Eifersucht, entdeckt der Architekt seine wahre Bestimmung und offenbart Yan sein wahres Gesicht. Das alles sieht in erster Linie blendend aus, etwa, wenn ein U-Boot in der Luft schwebt oder ein Flugzeug bewegungslos am Himmel hängt.

Eine politische oder sozialkritische Ebene, die sich in der Science-Fiction gern unter der Oberfläche verbirgt, suchen wir indes vergebens. Die klingt allenfalls im eskapistischen Verlangen der Figuren und in der Verachtung der Welt für große Visionen an. Bei einer Tüte Popcorn wäre diese Interpretation allerdings zu viel des Guten. Visionär ist dieses Debüt nicht, visuell aber allemal den Eintritt wert.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/coma-2019