Blanka

Durch das Regenbogenmeer segeln

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Vielmehr ist Blanka zwangsläufig alleine unterwegs: Ohne Obdach, aber mit einem Bündel von Geldscheinen, das sie sich als Kleingaunerin in der Vergangenheit zusammengestohlen hat, will sie durch die Annonce bloß raus aus diesem höchst unsicheren Straßenleben. Schließlich werden Kinder sowohl in Kohki Haseis verzauberndem Film als auch in der hart-rauen Realität des Landes – erst recht, wenn sie ohne Begleitung unterwegs sind – nicht selten als Freiwild betrachtet. 

Oder gleich als „Dreck“, behandelt wie lebendiger „Müll“, wie das einer der Straßenjungen, den Blanka später besser kennenlernt, einmal in brutal ehrliche Worte fasst. Kein Wunder bei dem Faktum, dass einerseits auf den Philippinen besonders viele kirchliche Kinder- und Pflegeheime existieren, andererseits aber genauso auch schier endlose Straßenstich-Zonen, in denen viele der aufgeschnappten Kinder – im Prinzip ohne wirkliche Alternativen –fast schon zwangsläufig hängenbleiben.

Der japanische Regisseur Hasei hat in seinem atmosphärisch starken und enorm authentischen Debütfilm, der bereits viele Preise gewonnen hat und Kinder wie Erwachsene begeistern kann, ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet – mit einer einzigen Ausnahme: Die 12-jährige Philippinerin Cydel Gabutero war schon vor den Dreharbeiten in ihrer Heimat ein YouTube-Kinderstar mit hunderttausenden Klicks. Dabei spiegelt sich in ihrem überzeugenden Augenspiel das gesamte Drama ihrer vagen Existenz wider. 

Zusammen mit ihrer zauberhaft klaren Gesangsstimme, die auch im Film in einigen Passagen mit dem blinden Gitarristen Peter (Peter Millari) eindrucksvoll zur Geltung Ausdruck kommt, trägt sie Haseis Film mitunter lange Zeit komplett alleine – und vollkommen überzeugend. Das hat zwingend auch damit zu tun, dass sich darin wunderbare Märchenelemente mit präzisen Milieustudienmomenten mischen, frei von herzschmerziger Kitschgefahr oder einer allzu naiv-kindlichen Sprache. 

Zu dieser überaus gelungenen Mixtur aus Kinderfilm, Problemfilm, Freundschaftsfilm und Melodram tragen gleichsam die herrlich stimmungsvollen Einstellungen von Takeyuki Onishi bei, die in den Tages- und speziell in den Nachtszenen einen ganz eigenen Sog entwickeln, wodurch Blanka als humanistischer Genrefilm für ein junges Publikum weit aus der Massenproduktion hervorsticht. Mit gutem Fingerspitzengefühl in der Figurenzeichnung, großem Einfühlungsvermögen in die Welt der Straßenkinder und eben einer ganz speziellen Prise Magie ist Kohki Hasei ein bestechendes, hoffnungsvoll stimmendes Langfilmdebüt geglückt, das lange nachwirkt – und selbst glücklich macht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/blanka