Malasaña 32 - Haus des Bösen (2020)

Land, Stadt, Spuk

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Das spanischsprachige Horrorkino ist lebendig und bringt in erstaunlicher Regelmäßigkeit eindringliche Arbeiten hervor. Neben klassischen, emotional tiefschürfenden Schauerstücken wie Juan Antonio Bayonas Erstling „Das Waisenhaus" ragten in den letzten Jahrzehnten auch einige Filme heraus, die auf geschickte Weise Grusel und Zeitgeschichte verbinden. Exemplarisch sind hier sicherlich Guillermo del Torros Bürgerkriegsgeistermär „The Devil’s Backbone" und seine düstere Fantasy-Parabel „Pans Labyrinth". Historisch angehauchten Horror mit politischen und sozialen Untertönen will auch Alberto Pintó („Killing God – Liebe deinen Nächsten") in seiner zweiten abendfüllenden Regiearbeit „Malasaña 32 – Haus des Bösen" servieren. Überzeugend ineinandergreifen will die Melange in diesem Fall aber nicht.

Nach einem 1972 spielenden, schleichend ungemütlichen Prolog, in dem zwei Jungen in einer Mietshauswohnung auf eine tote Greisin treffen, springt der Film vier Jahre weiter und lässt die sechsköpfige Familie Olmedo im selben, noch immer voll möblierten Quartier ihre Zelte aufschlagen. Das Leben auf dem Land haben Candela (Bea Segura) und ihr Mann Manolo (Iván Marcos) mit den Kindern Amparo (Begoña Vargas), Pepe (Sergio Castellanos) und Rafael (Iván Renedo) sowie Candelas an Demenz erkranktem Vater Fermín (José Luis de Madariaga) hinter sich gelassen, um sich im Herzen Madrids eine bessere Existenz aufzubauen. Der Weg zurück ist schon deshalb keine Option mehr, weil die Olmedos alles, was sie besitzen, in die Wohnung in der Calle de Manuela Malasaña 32 investiert haben. Candela und Manolo sind von nun an gezwungen, ihre Energie in ihre neuen Jobs zu stecken, damit der Traum von größerem Wohlstand nicht frühzeitig zerplatzt.

Dass das frischbezogene Heim eine düstere Vergangenheit hat, ahnt die Familie zunächst nicht. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft kommt es zu ersten seltsamen Begebenheiten, von denen neben Fermín und Rafael auch die fast erwachsene Amparo Notiz nimmt. Bis alle Mitglieder des Haushaltes die Gefahr erkennen, dauert es jedoch eine ganze Weile. Besonders Manolo weigert sich, eine Bedrohung auszumachen.

Die Prämisse des ansprechend ausgestatteten und stilvoll fotografierten Gruselstreifens könnte konventioneller nicht sein. In der von vier Autor*innen erdachten, angeblich auf wahren Ereignissen beruhenden Story, stecken dennoch reizvolle Ideen, die über das übliche Wir-ziehen-in-ein-Spukhaus-Szenario hinausgehen. Angesiedelt ist der Film nicht zufällig in der Zeit der sogenannten Transición española, jener Phase des Übergangs von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Nach dem Tod des skrupellosen Staatslenkers im Jahr 1975 und dem langsamen Zerfall seines Unterdrückungsapparates sehnten sich nicht wenige Menschen nach einem Neuanfang, einem Ausbruch aus der alten Enge. Die Schatten des Franquismus waren allerdings nach wie vor präsent. Malasaña 32 – Haus des Bösen greift diesen Zwiespalt auf, den bereits der fiebrig-intensive Kriminalthriller La isla mínima – Mörderland eindrucksvoll verhandelt hat, und mischt eine Familienkonstellation bei, die sich als kompliziert und spannungsgeladen erweist. Manolo ist nämlich bloß der leibliche Vater des kleinen Rafael. Und begründet liegt die Flucht der Olmedos aus ihrem Heimatdorf nicht nur in der Hoffnung des Aufstiegs.

Zwischen den Zeilen klingen interessante Themen und Konflikte an. Den Großteil der Laufzeit bestimmen aber sattsam vertraute Horrorelemente. Flackernde Lichter, plötzlich zuschlagende Türen, schemenhafte Erscheinungen, knallige Toneffekte, Figuren, die mit einer anderen Stimme sprechen, und Spielzeuge mit einem seltsamen Eigenleben – Pintó beweist, dass er das Haunted-House-Einmaleins herunterbeten kann. Unerwartete oder raffinierte Schockmomente, die aus der Routine herausragen, muss man aber mit der Lupe suchen. Den Gipfel der Formelhaftigkeit erreicht Malasaña 32 – Haus des Bösen im letzten Akt, der mit einer behinderten Person in klischeehaft-bedenklicher Weise umspringt und den üblichen Exorzismus-Hokuspokus aus der Kiste kramt. Am meisten Bauchschmerzen bereitet die Auflösung der Spukgeschichte. Pintó und seinen Autor*innen darf man zwar gute Absichten unterstellen. Der Twist, der ein komplexes, tieftraumatisches Schicksal arg verkürzt, bedient jedoch ein stigmatisierendes Bild, das immer wieder durch das Genre geistert.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/malasana-32-haus-des-boesen-2020