Ma' Rosa

Schmutz, Armut, Kampf

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Um die Sippe einigermaßen auf der Spur zu halten, nimmt Rosa kein Blatt vor den Mund, es hagelt Beschimpfungen und auch mal eine Kopfnuss, wenn die Familie nicht so will, wie Rosa es gerne hätte. Nebenbei handelt Rosas Familie noch mit Crystal Meth, das über den Laden vertickt wird – und genau das ist auch das Problem. Durch einen Informanten ist die Polizei den Kleindealern auf die Schliche gekommen und hat Rosa und Nestor verhaftet. Sie werden vor die Wahl gestellt: Entweder sie verpfeifen ihren Lieferanten oder sie zahlen eine absurd hohe Kaution, die sich die Familie natürlich nicht leisten kann. Also liefern sie ihren Zwischenhändler ans Messer. Doch das reicht den korrupten Polizisten noch lange nicht. Sie fordern eine zwar geringere Summe, doch für Rosa und ihre Kinder ist das immer noch nur dann zu schaffen, wenn sie alles zu Geld machen, was sie zur Verfügung haben. Und das beinhaltet auch den eigenen Körper.

Brillante Mendoza hat aus der Not der schlechten Produktionsbedingungen längst eine Tugend gemacht und einen ganz eigenen Stil entwickelt, der von großer und unmittelbarer Kraft ist. Dank der digitalen Handkamera glaubt man sich vom ersten Moment an hineingeworfen in die Hektik und latente bis offene Gewalt, in den Schmutz, die Armut und den alltäglichen Überlebenskampf der Slums. Hier ist sich jeder selbst der nächste. Weil einer seinen Nachbarn verpfeift, um selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, setzt er damit eine Kettenreaktion in Gang, die nur einen Gewinner kennt: die Polizei, die die Lage der Inhaftierten kennt und kräftig die Hand aufhält, um Kasse zu machen und das eigene Gehalt aufzubessern. Darüber hinaus lässt Mendoza auch keinerlei Zweifel daran, dass die Polizei nicht nur durch und durch korrupt, sondern zumindest in Einzelfällen auch direkt am Drogenhandel beteiligt ist – und das betrifft keinesfalls nur kleine Beamte, sondern auch Polizisten in hohen und höchsten Diensträngen.

Beeindruckend ist an Ma' Rosa nicht nur die enorm flexible und mobile Handkamera, die teilweise den Eindruck erweckt, als sei der Film direkt im Guerillastil inmitten der Slums gedreht worden, ohne dass die anderen Passanten davon allzu viel mitbekommen hätten. Auch die Tongestaltung mit einem nur in Übergangspassagen eingesetzten drohenden Soundtrack ohne jegliche Melodik besitzt Wucht und erhöht das permanente Gefühl des Unbehagens, das hier zum ständigen Begleiter des Zuschauers wird. Allerdings wirkt das Drehbuch nicht wirklich durchdacht und zu Ende geführt: Das beginnt bereits bei dem Titel, der intendiert, dass hier die Person Rosas im Mittelpunkt stehen würde, was aber nicht der Fall ist, und setzt sich über die wechselnden Perspektiven auf die Figuren fort, die allesamt unfertig und lediglich skizzenhaft wirken.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ma-rosa