Displaced (2020)

Die Gefühle einer Jüdin in Deutschland

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Der Vater von Sharon Ryba-Kahn hat nie mit ihr über die Shoah gesprochen. Als der Großvater in Israel starb, rief er sie nicht zur Beerdigung. Zu dem Zeitpunkt herrschte gerade eine jahrelange Funkstille zwischen der jungen Filmemacherin, die in Berlin lebt, und ihrem Vater. Nun steht sie mit ihm am Grab des Großvaters, den sie kaum kannte, aber vor sechs Jahren einmal besucht hatte. Als Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz hatte er sich nach dem Krieg, weil es in der polnischen Heimat keine lebenden Familienmitglieder mehr gab, in München niedergelassen.

Ryba-Kahn hat Fragen an den Vater, der nun in Israel lebt. Sie will verstehen, warum er so distanziert und wenig greifbar war in ihrem Leben. Sie will wissen, wie es sich für ihn anfühlte, in Deutschland aufzuwachsen, wie sein Verhältnis zu den Eltern war, was ihm sein Vater über die Shoah erzählte. Die Gespräche kommen nur mühsam in Gang. Besonders macht sich das bemerkbar, wenn sie mit ihrem Vater telefoniert, dann hat er nur begrenzt Zeit, schieben sich Dispute über Terminprobleme vor das Wesentliche, was sie mit Gespür für die sich entfaltende Situationskomik registriert.

Aber in den Gesprächen kommt sie ihrem Vater trotz allem näher, entdeckt eine Gemeinsamkeit. Er sagt, er habe sich in Deutschland nicht wohlgefühlt, in den sozialen Beziehungen habe die Vergangenheit immer mitgeschwungen. Gerne hätte er gewusst, warum seine Eltern in Deutschland wohnen wollten als Holocaust-Überlebende, aber es gab keine persönlichen Gespräche zwischen ihm und seinem Vater. Er könne ihm das nicht vorwerfen, dieser habe ihm gegeben, was er konnte.

Auch Sharon Ryba-Kahn hat in Deutschland oft das Bedürfnis, zu vergessen, wo sie ist, um sich frei zu fühlen. Das sagt sie in ihrem auf Englisch eingesprochenen Off-Kommentar, der auf ihre Identität als Weltbürgerin verweist, aber auch auf ein schwieriges Verhältnis zur deutschen Sprache. Obwohl sie in München geboren und aufgewachsen ist, fühlt sie sich, die auch Jahre in Israel verbrachte, in Paris und New York studierte, in Deutschland vor allem als Jüdin. Ihr zweiter langer Dokumentarfilm nach Hakara ist auch ihr Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Er richtet sich gegen das Schweigen, das ihr im Zusammenhang mit der Vergangenheit, mit ihrem Jüdischsein so oft schon belastend entgegenschlug.

Als Vertreterin der Enkelgeneration von Holocaust-Überlebenden will sie gerade nicht vergessen, sondern im Gegenteil, durch Nachforschen sogar so etwas wie einen familiären Heilungsversuch unternehmen. Wo lebten ihre Großeltern als Kinder, was lässt sich über sie und ihre Familien erfahren und vor der geistigen Auslöschung retten? Sie reist nach Polen, lässt einen Stammbaum der Familie des Großvaters erstellen, besucht die Orte, in denen ihre Vorfahren lebten. Damit macht sie auch ihrem Vater ein Geschenk, bietet ihm eine Verbundenheit an, die er nur schwer mit Worten beantworten kann.

Sharon Ryba-Kahn ist das emotionale Zentrum dieses Films, sie schont sich, um Gespräche in Gang zu bringen, selbst nicht, sondern zeigt die eigene Verletzlichkeit. Sie hat bohrende Fragen an deutsche Schulfreundinnen, versucht mit einigen von ihnen einen hoch interessanten Dialog, der nur stockend gelingt. Auch mit diesen Freundinnen konnte Ryba-Kahn früher nie über die Shoah und ihr Gefühl, als Jüdin auf eine Reserviertheit anderer zu stoßen, reden. Ein deutscher Freund gibt ihr einen Hinweis: Die Deutschen hätten als „Benimmregel“ verinnerlicht, sich nicht antisemitisch zu äußern. Damit aber sei der Antisemitismus nicht verschwunden.

Mit diesem kraftvollen, aufwühlenden, persönlichen Film plädiert Ryba-Kahn dafür, die Beschäftigung mit der NS-Zeit, gerade im Austausch von Mensch zu Mensch, nicht einzustellen. Sie vermisst bei nichtjüdischen Deutschen oft die Bereitschaft, selbst Familienforschung zu betreiben und genauer wissen zu wollen, wer ihre Großväter waren.

Der allzu oft in der zweiten Generation versäumte Dialog macht die Auseinandersetzung für die Enkel*innen nicht leichter. Es scheint, wie sich auch in diesem Film in manchen Begegnungen eindrucksvoll zeigt, bei nichtjüdischen Deutschen oft einen eingeschliffenen, vielleicht längst unbewussten Abwehrreflex zu geben, mit Juden und Jüdinnen offen über die Generation der Großeltern zu reden. Juden und Jüdinnen, die auch Deutsche sind oder in Deutschland leben, spüren dann, dass sie Befangenheit auslösen und nur halbherzig auf Interesse stoßen. Sharon Ryba-Kahn führt in diesem sehenswerten Film eindrucksvoll vor, dass Dialog möglich und nötig ist.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/displaced-2020