2020 Oscar Shorts (2019)

Schicksale

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Eine Frau, die vorgibt, mit ihrer Schwester zu sprechen, die ihre kranke Tochter pflegt, um ihrem (wahrscheinlichen) Entführer zu entkommen; ein Vater, der von seinen Vorurteilen geblendet, das Schicksal seiner gesamten Familie ins Ungewisse lenkt; der Wunsch nach Freiheit angefangen mit einem Ausbruch aus einem Waisenhaus, der im Feuer endet; die widerspenstigen Haare die Mutter und Tochter verbinden; der Bruder, der ohne seine Schwester aufwachsen musste; der Maler, dessen Welt sich nach und nach in Farbe verwandelt und schließlich auflöst; die Frau, der Flügel wachsen. All diese Schicksale – und einige mehr – haben die diesjährigen Kurzfilme der beiden Kategorien zu bieten. Sie sind mitreißend, sie machen wütend, traurig, sind verstörend und in vielen Fällen bezaubernd.

In der Kategorie „Live Action“ gehen 5 Filme um den Oscar ins Rennen: Une Soeur, Brotherhood, The Neighbor’s Window, Saria, Nefta Football Club. Drei der Beiträge sind inspiriert von oder beziehen sich auf tatsächlich Ereignisse. Einer davon ist The Neighbor’s Window, eine amerikanische Produktion, die in New York spielt. Der schwächste Beitrag im Feld, der versucht zwei Familienschicksale miteinander zu verbinden. In gegenüberliegenden Apartments lebend, können beide die jeweils andere Partei beobachten. Wir erleben dies aus der Perspektive einer Frau mit drei Kindern und ihrem Ehemann. Der recht konventionell gedrehte Film, der an Großproduktionen wie Das Fenster zum Hof (Rear Window, 1954), Disturbia (2007) oder auch den dieses Jahr erscheinenden The Woman in the Window erinnert, nimmt die kurze Form leider nicht als Aufforderung zum Ausprobieren. Auch das Spiel des Ehemanns wirkt oftmals sehr hölzern.

Nefta Football Club ist ein leichter Beitrag im Vergleich zum Feld: zwei Brüder finden ein verloren gegangenes Maultier und nehmen die in den Körben versteckten Drogen mit. Der ältere Bruder weiß, worum es sich handelt, „verkauft“ das weiße Pulver dem jüngeren jedoch als Waschmittel. Als der ältere dann versucht, die Drogen zu verkaufen, schleppt der jüngere diese zum Fußballfeld – wo dann eben dieses mit dem Waschmittel markiert wird. Damit es zu keinen Streitereien mehr kommt. Die beiden Drogenhändler, denen man ebenfalls begegnet, sorgen für zusätzliche Komik. Definitiv ein Kandidat für den Oscar, mit dem man „nichts falsch machen kann“.

Une Soeur wie auch Saria beruhen auf wahren Begebenheiten, an die beide Filme erinnern wollen. Die französische Produktion Une Soeur hält über die gesamte Länge des Films einen starken Spannungsbogen: direkt am Anfang wird zwar aufgelöst, dass die Frau und der Mann, die sich das Auto teilen, keinesfalls ein Paar sind. Sie tarnt einen Anruf in der Notfallzentrale der Polizei als Anruf bei ihrer Schwester. Welcher Mut – oder welche Verzweiflung? – sie zu dieser Idee getrieben hat. Genau dieses Spiel zwischen Entdeckung, Verfolgung durch die Polizei und tatsächlicher Festnahme am Ende machen diesen Film unglaublich mitreißend. In Bildern, die nah an den Personen bleiben, ihnen gar keine rechte Identität geben, haben auch wir kaum Raum zum Atmen. Saria erzählt ebenfalls von weiblichen Schicksalen: die Mädchen des Waisenhauses in Guatemala werden misshandelt und vergewaltigt. Saria träumt von der Freiheit und schmiedet einen Plan. Die Flucht gelingt auch – bis sie dann doch von dem Personal aufgespürt und zurückgebracht werden. Eingesperrt in einen Raum kommen alle Mädchen in einem Feuer um, erst 9 Minuten nach Ausbruch öffnete jemand die Tür. Bis heute wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Darauf will der Film aufmerksam machen. Ein starker Beitrag, wie auch Une Soeur, die beide im Film einen Abschluss finden und ihn nicht offen enden lassen.

Dies bringt mich zum Favoriten der Kategorie: Die kanadisch, tunesisch, katarisch, schwedische Ko-Produktion Brotherhood ist der stärkste Beitrag im Feld. Bildlich werden die Figuren isoliert: Vorder- und Hintergrund werden getrennt, eine Mitte wird fast nicht zugelassen. Brotherhood erzählt von der Rückkehr des dritten und ältesten Sohnes, der mit dem IS gekämpft hat. Und er hat seine Frau mitgebracht, die sich voll verschleiert. Was vor allem seinem Vater sehr missfällt. Es sind Blicke zwischen den Gesprächen des Unmuts des Vaters, Gesten der Ruhe der Mutter, die mit Bildern der Natur, der Freude der Brüder über die Rückkehr des Bruders vermischt werden. Und dazwischen ist Reem. Die sich nach und nach entschleiert und Vertrauen fasst. Und schließlich den Eltern die ganze Wahrheit sagt. Doch zu spät. Der Vater hat aufgrund seiner Vorurteile eine folgenschwere Entscheidung für das Leben der gesamten Familie getroffen. Und gerade im Vater dürfte sich auch der/die Zuschauer*in am ehesten widerfinden. Der Beitrag überzeugt durch den wunderbaren Umgang mit der „kleinen Form“.

In der Kategorie „Animation“ sind es sogar 9 Beiträge, die die Jury von sich überzeugen wollen. Alle weisen erstaunliche Handwerkskunst auf. Da ist etwa der kürzeste Beitrag Maestro aus Frankreich, der zeigt, wie unglaublich beeindruckend die Möglichkeiten, der Detailreichtum der CGI bereits sind. Eine Oper des Waldes mit Eichhorn als Dirigent und der Nachtigall (ich nehme es an) als Star. Hors Piste, ebenfalls aus Frankreich, ist eine Action-Komödie, ein Revival des Bergfilms könnte man sagen, über zwei unfähige Rettungssanitäter und ihren hilflosen Patienten, den sie von der Spitze des Berges in Sicherheit bringen sollten. Urkomisch und unterlegt mit bester Synthesizer-Musik ist der Film eine kurzweilige Angelegenheit – aber die Konkurrenz ist stärker.

Im Abspann von The Bird and the Whale (Irland) sieht man, wie der Film entstand: als Malerei auf Glas. Eine Sinfonie aus Wasser, Wal- und Vogelgesang, Meereswellen, Gewitter, Verlust und Liebe. Es sind dann auch die wunderschönen Bilder, die Morphosen, die über die Schwächen und die leider allzu starke Vorhersehbarkeit des Plots hinwegtrösten können. Wenn sie den Film auch nicht der Jury für den Oscar empfehlen.

Gleich vier Beiträge, wenn auch ganz unterschiedlicher Art, arbeiten mit Puppen: Dcera (Daughter), Sister, Mémorable und Henrietta Bulkowski. Der erste bearbeitet die schwierige Vater-Tochter-Beziehung der Protagonist*innen und sucht deren Verbindung durch Transformationen in einen Vogel herzustellen. Empathie, Verständnis für das Gegenüber werden nonverbal ausgehandelt. Es sind die Augen und Gesten, die den Film zu einem sehr expressiven und mitreißenden Erlebnis machen. Sister ist da um einiges politischer: der Protagonist des Films berichtet aus dem Off von seiner nervigen Schwester, ihren Macken, wie sie zusammen aufwachsen. Doch was wir sehen, hat so nie stattgefunden. Aufgrund der Ein-Kind-Politik Chinas. Es ist ein Film für und über die nie-geborenen Geschwister. Auch dieser arbeitet mit unmöglichen Transformationen. Waren die Puppen in Dcera aus Pappmaché, sind die in Sister aus Stoff – wie auch jeweils die gesamte Welt.

Das in Mémorable verwendete Material ist ein wenig schwerer zu identifizieren. Es geht um ein Ehepaar. Der Mann erkrankt an einer degenerativen neurologischen Krankheit. Und seine Malerei, die Farbe, die Materialität wird immer mehr zu seiner Realität, da ihm Worte, Daten und schlussendlich auch das Gesicht seiner Frau entschwinden. Ein wunderschöner Film, der versucht, die Erlebnisse, die Weltsicht der Erkrankten näher zu bringen, wie auch die Schwierigkeiten der (in diesem Fall) Partnerin.

Von einem besonderen Schicksal erzählt auch Henrietta Bulkowski (USA): die Protagonistin des Films will Pilotin werden, um endlich die Welt von oben sehen zu können – da sie an einem verwachsenen Rücken leidet, braucht sie Spiegel, um sich die Welt zu erschließen. Ihr Traum scheitert an der physischen Untersuchung. Kurzerhand entschließt sie sich, ein Wrack wiederaufzubauen. Dabei trifft sie auf einen Polizisten, der vorgibt, größer zu sein als er ist. Letztendlich, obwohl sie am Fliegen mit dem Flugzeug scheitert, wachsen ihr eigene Flügel. Es ist eine wunderbare Parabel über die uns allen inhärenten Fähigkeiten – man muss nur erkennen, was eine/n jede/n von uns besonders macht. Wenn ich mich auf einen Favoriten festlegen müsste, dann wäre es dieser.

Kitbull, eine Produktion der Pixar-Künstler*innen, und Hair-Love sind die beiden letzten Kandidaten. In Kitbull lernen wir eine kleine schwarze Katze kennen, die auf der Straße lebt. Ihr gegenüber zieht bald ein Hund ein, Rasse undefinierter Kampfhund. Sie fürchtet sich vor ihm. Und der Hund hat selbst zu kämpfen: er wurde nämlich eben genau dafür gekauft. Sein Halter tritt ihn schwer verletzt, scheinbar nach einem verlorenen Kampf, in den Regen vor die Tür. Zaghaft freunden sich Katze und Hund an. Ihnen gelingt letztendlich die Flucht. Ein schöner Beitrag, wundervoll animiert, aus Perspektive der Tiere gezeigt, der ohne Dialog auskommt. Hair-Love weist auch eine Besonderheit im Sound auf: nur die Stimme der Mutter, sobald eines ihrer VLogs abgespielt wird, ist zu hören. Ihre Tochter versucht, alleine ihre Haarpracht zu zähmen. Vergeblich. Und auch der Vater scheint überfordert. Bis auch er die Stimme seiner Frau hört. Wir sehen sie später selbst: im Krankenhaus, mit kahlem Schädel. Ihre Stimme verkörpert Hoffnung und Liebe, die die Familie auch in ihrer Abwesenheit zusammenhält.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/2020-oscar-shorts-2019