Disappearance at Clifton Hill (2019)

Wenn die Wasserfälle schließen

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Die Rückseiten der großen Touristenattraktionen sind seltsame Orte. Albert Shins „Disappearance at Clifton Hill“ zeigt Niagara Falls, die Stadt neben den majestätischen Wasserfällen, als regenverhangenen Ort, erleuchtet vom Schein der allgegenwärtigen Neonschilder. Wenn in der Nebensaison sogar das Wasser der Fälle umgeleitet wird, hat die Stadt wenig Erhabenes. Ähnlich wie der wunderbare „Florida Projekt“ (2017) zeichnet auch „Disappearance at Clifton Hill“ das Portrait eines Nichtorts, im Windschatten einer viel fotografierten Attraktion. Konsequent finden die Bilder der Niagara Fälle selbst daher auch nur in Form ihrer medialen Abbilder, auf kleinen Fernsehern, alten Videobildern oder vergilbten Postkarten, Eingang in den Film. Damit zeigt sich Niagara Falls sowohl in einer spröden Schönheit als auch der deprimierenden Gleichförmigkeit, die den Orten touristischer Massenbewegungen eigen ist.

Nach Jahren der Abwesenheit kommt Abby (Tuppence Middleton) in ihre Heimatstadt neben den weltberühmten Wasserfällen zurück. Das Motel ihrer Mutter ist nach deren Tod verlassen und bankrott. Es soll nun an den Immobilienclan der Stadt verkauft werden. Statt aber diesen Verkauf voranzutreiben, vertieft sich Abby, sehr zum Leidwesen ihrer Schwester, in ihre Kindheitserinnerungen, genauer in ihre Erinnerungen an den Herbst 1994. Damals, im Alter von sieben Jahren, will sie nämlich Zeugin einer Entführung geworden zu sein. Bei dem Versuch, diesen alten Fall aufzuklären, taucht sie so immer tiefer in ein Netz aus Mutmaßungen und Verschwörungstheorien ab. Zugleich wird dem Publikum langsam klar, dass den Erzählungen der fantasiebegabten Protagonistin möglicherweise nicht immer zu trauen ist und so entspinnt sich ein Spiel mit Erwartungen, Geschichten und Illusionen, nicht unähnlich der großen Attraktion selbst, an deren Rändern es spielt.

Die seltsam nostalgischen Orte der Handlung, die Diner, und das Motel, welches Abby nicht loslassen kann und in das sie sich zurückzieht um dort auf alten VHS-Kassetten nach Hinweisen zu ihrem Fall zu suchen, sie alle bringen einen Hauch Magie an diesen Ort des Massentourismus, der aus diversen Vergangenheitsschichten und nie zu Ende erzählten Geschichten zu bestehen scheint. Die Einflüsse von Twin Peaks (1900-1991) lassen sich dabei kaum übersehen, allerdings schafft es Disappearance at Clifton Hill daraus auch ästhetisch ein eigenes Konzept zu entwickeln. Das Gefühl des Fantastischen stellt sich nicht zuletzt mit Blick auf die schrägen Figuren ein, denen Abby auf ihrer Suche nach der Wahrheit oder wenigstens einer Variante davon, begegnet. Neben einem Magierduo und einer spielsüchtigen, kleinkriminellen Tigerbändigerin gehört auch ein podcastender Taucher und Hobbyverschwörungstheoretiker zu ihnen, gespielt vom Schutzpatron des kanadischen Kinos, David Cronenberg. Dass Abbys eigene Geschichte und deren psychologische Abgründigkeit im Verlauf des Films immer stärker zu Tage treten, scheint daher fast schade, nimmt es doch dem Ort einen Teil seiner Unbestimmtheit, denn auch die Bilder selber scheinen im Verlauf des Films immer klarer zu werden und so etwas von ihrem Charme einzubüßen.

Disappearance at Clifton Hill ist ein Film von eigenwilliger Schönheit, dessen seltsame Bilder sowohl von tiefer Traurigkeit als auch von einem Hauch Fantastik umweht sind. Es erscheint daher etwas bedauerlich, dass der Film langsam jene Momente der Magie zugunsten von psychologischen Erklärungsmodellen aufgibt. Dennoch brennen sich die Bilder gerade aufgrund ihrer Unaufgeregtheit ein und tauchen sicherlich wieder aus dem Gedächtnis auf, wenn man sich das nächste Mal in massentouristischen Ballungsräumen um das beste Bild prügelt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/disappearance-at-clifton-hill-2019