Roland Rebers Todesrevue (2019)

Das Leben, der Tod und der ganze Rest

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Ein Roland-Reber-Film ist häufig von einer gewissen Krassheit geprägt. Das macht den Spaß daran aus: Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Da kann dann plötzlich im Heizungskeller Jesus vom Kreuz steigen, da kann von nebenher ein Gedicht heranfliegen, da kann plötzlich wer zu singen anfangen, und natürlich kann eine nackte Frau beim Sonnen am Baggersee die Beine in Richtung Kamera ganz weit spreizen.

Denn Antje Nikola Mönning, seit langem schon fester Teil der Filmkommune, ist bekennende Exhibitionistin und nutzt die Filme gerne für ihre Neigung. Und nicht nur die Filme: Vor anderthalb Jahren hat sie Schlagzeilen gemacht (groß via Bild-Zeitung), weil sie bei einer Polizeikontrolle gezeigt hat, welche Farbe ihre Unterbuxe hat – nämlich gar keine, weil sie nichts unterm Röckchen anhatte. Wohlgemerkt: Eine Aktion, die nichts mit der Promotion eines Films oder sonstigen Produkts zu tun hatte.

Natürlich nimmt Mönning im neuesten Film Roland Rebers Todesrevue in ihrer Rolle als Patsy dieses Ereignis auf: Da zitiert sie eine Menge Hater aus Social Media – möglicherweise authentisch – und fordert diese – fiktiv – auf, face to face mit ihr zu reden, woraufhin sich unter den versammelten Internetkommentatoren tatsächlich so etwas wie ein Meinungsaustausch ergibt; eine Szene mit utopischem Touch, bis einer dazukommt, mit Kamera auf der Stirn für eine Facebook-Liveübertragung, und das erinnert kräftig an diverse rechtsextremistische Naziterror-Amokläufe (vermutlich eher ungewollt), wie er Patsy bzw. Mönning angreift.

Das ist in der Tat die beste Szene des Films: Denn im Hintergrund hören (und sehen) wir stets eine Frau mit Maske, die als Running Gag im Film immer wieder verschiedene Acts durchläuft, um berühmt zu werden. Und hier hat sie vor, Superstar zu sein, und spielt ein Bach-Orgelwerk auf der Flöte (!), auf einer Toilette (!) im Treppenhaus (!) sitzend, und dies mit einer geradezu jethrotullhaften Inbrunst: In der präzisen Montage der beiden Simultanhandlungen ergibt sich eine mitreißende Dynamik.

Eine Dynamik, die anderen Teilen des Films allzu sehr abgeht. Denn leider kommt diese Todesrevue recht brav daher, und noch mehr: Man spürt alsbald, dass lediglich das erwartbar Unerwartete auftreten wird, wirkliche Überraschungen dem Film aber fehlen. Was schade ist. Denn das Potential wäre da: Wie so oft ist der Film eine Collage aus altem Material, das Roland Reber mal geschrieben hat – reicht zurück bis Anfang der 80er! – und neuen Dialogen, Ideen und satirischen Einblicken in die Gesellschaft, wie das Reber-Prinzip sie sieht.

Roter Faden des episodischen Films ist eine Spielshow, in der Singles zum Vergnügen des Publikums verkuppelt werden und dafür diverse Challenges durchmachen müssen – eine Französin steht nach einem Burlesque-Tanz in Unterwäsche da, ein blasses Würmchen wird anderthalb Minuten lang vom schrecklichen „Würger von Mannheim“ gewrestlet. Dieser Part geht auf ein Reber-Theaterstück von 1984 zurück, und was damals visionär-dystopisch war, ist heute Alltag – was werkhistorisch interessant ist, was aber der darin steckenden Medienkritik schadet, es geht halt in Wirklichkeit kaum über das hinaus, was ohnehin schon im Schwange ist.

Dazu erleben wir die Ehegeschichte von Patsy und ihrem Mann, einem Dichter; wobei sie sich darin erschöpft, dass Patsy ein Smart-Home mit einem amazonmäßigen Steuert-Alles-Gerät aufbaut, während der Dichter in Depression ertrinkt. Ein paar lebensfrohe alte Damen treten auf, und im Krankenhaus liegt ein alter Mann und weiß, dass er bald sterben wird. Thema des Films ist halt der Tod, aber das ist eher ein Alibi: Tatsächlich geht es natürlich um das Leben, um das richtige und selbstbestimmte und individuell-freiheitliche Leben, um das wahrhaftige Leben, das ein falsches ausschließt – kurz: Die ganz normale Roland-Reber-Philosophie, angereichert mit Social-Media-Sketchen und gelegentlichen durchaus poetischen und intelligenten Gedichten – denen aber zwischendurch auch wieder banale Sentenzen in den Dialogen gegenüberstehen, denen der spritzige Pfiff fehlt, den man aus früheren Reberwerken schätzt.

Das soll nun nicht heißen, dass Roland Rebers Todesrevue keinen Spaß machen würde; ja, das Banale, mitunter Billige, das Fragmentarische ist in den anderen wtp-Filmen natürlich auch Programm, doch diesmal wirkt's gebremst – der Film hat eine FSK 12-Einstufung, und niemand ist nackt! Will sagen: Bei aller Vielfalt des Gezeigten, bei all der ausgestellten Freiheitlichkeit, bei all den vielen Episoden fehlt der letzte Kniff des Reber-Touches: Nämlich zu weit zu gehen, so weit, bis der Zuschauer dahin geführt wird, wo er noch nie war; wo er vielleicht auch nie hinwollte; wo er aber ein wirkliches Erlebnis hat. Andererseits ist dieser Film aber vielleicht der bestmögliche Einstieg ins Reber-Universum.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/roland-rebers-todesrevue-2019