Butenland (2020)

Sterben ohne Schlachtung

Eine Filmkritik von Susanne Plöger

„Butenland“ ist norddeutsch und heißt so viel wie Deichvorland oder auch Ausland. Mit dieser Worterklärung beginnt der Film, während gleichzeitig die Kamera über eben diese wunderschöne Deichvorlandschaft fährt. Nichts ist befremdlich an „Hof Butenland“, dem ehemaligen Biobauernhof von Jan Gerders, der Hof nicht, die Kühe nicht, die Menschen nicht. Trotzdem betritt man mit eine andere Welt.

Jan Gerdes hat den Bauernhof von seinem Vater übernommen. Zuvor hatte er ein Lehramtsstudium begonnen, aber keine Freude daran gefunden. Anschließend kehrte er zurück, um dem Vater auf dem Bauernhof zu helfen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Landwirt und dann auch zum Meister. Schon in seiner Kindheit litt er darunter, dass die Kühe im Stall angekettet waren, sich kaum bewegen konnten und der Stall selber wenig Lichteinfall hatte. Als Jan Gerdes den Hof von seinem Vater übernehmen konnte, stellte er ihn sofort auf biologische Landwirtschaft um. Er sorgte dafür, dass die Kühe etwas mehr Platz im Stall hatten, oft ins Freie kamen, baute Dachfenster in den Stall ein. Er merkte jedoch, dass er aus wirtschaftlichen Gründen den Tieren nicht die Bedingungen bieten konnte, die wirklich artgerecht gewesen wären. Dieses Dilemma machte ihn krank, weshalb er die Entscheidung traf, den von Demeter zertifizierten Biobauernhof aufzugeben. Die Kühe wurden verkauft und zum Schlachten abgeholt. Dies musste in mehreren Fuhren geschehen. Das alles brach dem Bauern das Herz und als die letzten 12 Kühe auf dem Hof auf ihren Abtransport warteten, merkte Jan Gerdes, wie viel Platz auf einmal vorhanden war. Er beschloss, dass die 12 Kühe auf dem Hof bleiben und dort alt werden dürfen. Dieser Moment war die Geburt des „Kuh-Altersheims“ und Jan Gerdes rechnete sich aus, dass er mit der Vermietung von Räumen als Ferienräume finanziell auch so über die Runden kommen würde.

Man sieht Aufnahmen des weiten Flachlands aus der Vogelperspektive. Ein Küstengebiet, Wiesen im Morgentau, den Bauernhof in ländlicher Idylle. Kühe sind in sanften Nebel eingehüllt. Einmal springt ein junges Kalb über die Wiese. Das Tier empfindet dabei pures Glück, das sieht man und es geht einem das Herz auf, während man ganz verwundert darüber ist, dass man mit einer Kuh so mitfühlen kann.

Eingefangen in diese Stimmung kommt der Gedanke auf: das ist ein Film des angebrochenen Zeitalters der Fridays-for-Future-Generation, da er zum Umdenken auffordert. „Es muss sich grundlegend etwas ändern“, sagt Jan Gerdes und zeigt mit seinem Hof einen Versuch. Er befreit die Kuh von ihrem Dasein als Nutztier oder gar als Hochleistungsmaschine. Und auf einmal stellt sich die Frage nach dem Wesen der Kuh, die abseits von ihrer ökonomischen Verwertung durch den Menschen betrachtet wird. Eine Kuh, die keine Milch gibt, die man nicht essen „darf“, die einfach da ist? Das ist sehr ungewöhnlich. Und wie alt kann eine Kuh eigentlich werden? Die Kühe in dem Film sind teilweise sichtbar alt, können kaum mehr laufen, da sie so gezüchtet wurden, dass sie nur Fleisch ansetzen, ihre Gelenke aber früh verschleißen.

Die Lebenspartnerin von Jan Gerdes und ebenso Vorstandsvorsitzende der Stiftung heißt Karin Mück. Kennengelernt haben sie sich in einer Rehamaßnahme. Karin war Krankenschwester und ist Tierschützerin. In jungen Jahren war sie in einer Gruppe von Leuten aktiv, die Tiere aus Versuchslaboren befreite. Einmal wurden sie bei dem Versuch gefasst, ein noch nicht in Betrieb genommenes Labor in Brand zu stecken. Zuerst wurden sie unter Terrorverdacht gestellt, konnten den Richter jedoch davon überzeugen, dass sie aus rein idealistischen Gründen gehandelt hatten und erhielten daraufhin eine eher milde Strafe.

Während Karin Mück das erzählt, werden alte Fotos aus der Zeit eingeblendet und Videoausschnitte von Tierversuchen. Zwei ehemalige Gruppenmitglieder kommen zu Wort. Sie bereuen ihr Tun nicht, finden es gut und richtig. Trotzdem sind sie froh, dass sie gestoppt wurden, denn sonst hätten sie sich vermutlich radikalisiert.

Auch prominente Personen, die sich im Tierschutz engagieren, die Schriftstellerinnen Karen Duve, Hilal Sezgin und das Künstlerduo Ute Hörner und Mathias Antlfinger äußern sich vor der Kamera und loben die Stiftung „Hof Butenland“. Marc Pierschel, der Regisseur des Films, ist selbst Veganer und hat Bücher zum Thema publiziert.

Dann sieht man Karin Mück und Jan Gerdes auf der Wiese mit den Kühen und eine Kuh schleckt Jan Gerdes die Hand, der daraufhin lächelt. Jan Gerdes wirkt überwiegend todtraurig und er spricht langsam. Er hätte das Gefühl, er müsse sich bei den Kühen entschuldigen, sagt er.

Als in langer Sequenz gezeigt wird, wie Karin Mück einer Kuh genüsslich den Hals krault, die sich das wiederum genüsslich gefallen lässt, kippt auf einmal die bisher teilweise magische Stimmung ins Banale. Auf einmal sind es doch nur Kühe auf einem Bauernhof, die man zu sehen bekommt. Es ist schön, dass es ihnen gut geht, aber spannend ist das nicht. Selbst als die schwere Entscheidung getroffen wird, einen geliebten Ochsen, der unter einer Fraktur leidet, einschläfern zu lassen, da keiner ihn operieren will, sieht man, wie sehr Karin Mück leidet, bleibt aber selber seltsam unbewegt. Auch die Erklärung, dass andere Tiere, ein Pferd z.B., diese Operation bewilligt bekommen hätten, ändert nichts daran. Man spürt, mit den Tieren mitzuleiden reicht allein nicht, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. Jan Gerdes äußert diese Bedenken auch. Konsequenterweise kommt deshalb von ihm am Ende des Films eher zögerlich eine Beschwörung im Sinne von „wir schaffen das“.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/butenland-2020