Campo (2019)

Philosophische Collage am Exerzierplatz

Eine Filmkritik von Falk Straub

Die erste Viertelstunde beobachtet Hespanha bloß. Soldat*innen regnen zu Orchestermusik an Fallschirmen vom Himmel. Aus großer Entfernung sehen sie wie winzige Insekten aus. Ein Imker hält die Population seiner Bienenvölker mit seinem Mobiltelefon fest. Dazu rezitiert der Filmemacher aus dem Off den antiken Schöpfungsmythos nach Platons Dialog Protagoras. Erste Fragen tun sich auf.

Ist Prometheus an all dem schuld? Sein Titanenbruder Epimetheus hatte jede Tierart mit einer anderen überlebenswichtigen Qualität bedacht, die Menschen aber vergessen. Als Ausgleich brachte Prometheus ihnen das Feuer. In ihren Militärübungen demonstrieren die Soldat*innen, was diese Feuerkraft Tausende Jahre später anrichten kann. Der göttliche Funke, der den Menschen den Verstand gegeben hat, hat ihnen auch den Krieg gebracht. Gegen Ende des Films fällt ein Waldarbeiter einen 70 Jahre alten Baum. Ein ganzes Leben wird in nicht einmal drei Minuten beendet.

Während die Kamera das weitläufige Areal erkundet, mal joggende Militärs, mal scheues Rotwild in den Blick nimmt, sinniert der Regisseur aus dem Off über den Namen der Basis. Diese heißt schlicht „Campo“, was im Portugiesischen wie in seinem lateinischen Ursprung nichts weiter als „Feld“ bedeutet. Das englische „camp“ oder „camping“ stammt ebenso davon ab wie das deutsche Wort „Kampf“. Hespanhas Film ist voll kluger Verknüpfungen wie dieser.

Nach einer Viertelstunde macht sich der Regisseur auch anderweitig bemerkbar. Hespanha bleibt nicht länger nur Stimme aus dem Off, sondern fragt abseits der Kamera nach, stiehlt sich mitunter ins Bild. Mit den Bildern schreiten auch seine Geschichten voran. Die antiken Mythen weichen Anekdoten über die Eroberung des Weltalls. Auf der Leinwand zu sehen sind dann Sterngucker, die sich in tiefster Nacht über ihre Teleskope gebeugt über die Bedeutung und Bedeutungslosigkeit des Menschen im Universum unterhalten.

Was also ist der Mensch? Ein Ebenbild der Götter, das qua seines Verstandes nach den Sternen greifen kann? Oder nicht viel mehr als ein denkendes Tier, das seinen Lebensraum bedenkenlos zerstört? Die Antwort liegt wie immer – und wie Hespanhas Mischung aus Dokumentarfilm, Essay und Collage – irgendwo dazwischen. Auf der größten Militärbasis Europas liegen Fortschritt und Rückschritt, Natur und Technik, Schöpfergeist und Zerstörung dicht beieinander.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/campo-2019