Bruderliebe (2019)

Running Up That Hill

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Denn vor ihm liegt sein Bruder Markus: in einem Pflegebett. Nahezu bewegungslos, wenn auch mit wachem Blick und zeitweiliger Hoffnung in den Augen. 5. Februar 2008: „Markus ist von einem Auto hinten angefahren worden, ein Stück weit mitgeschleift worden und dann mit dem Hinterkopf auf den Bordstein geschlagen“, heißt es dazu später aus dem Off. „Die Ärzte haben ihm eigentlich keine Hoffnung geben. Vielleicht sind es noch zehn Tage...Mein Vater hat sich darauf eingestellt.“

 

Daraufhin tagte ein eilig zusammengerufener Familienrat. Keines der Familienmitglieder wusste wirklich ein noch aus. Das scheinbar Unvermeidliche schien bedrohlich näher zu kommen und das ebenso schweigsame wie überforderte Familienoberhaupt telefonierte bereits mit der Stadtverwaltung zwecks einer geeigneten Grabstelle... Nur Markus’ Bruder Michael stellte sich im Frühjahr 2008 wirklich der Situation: Er will den tragischen Schicksalsschlag nicht einfach so hinnehmen, sondern selbst aktiv werden. Er will Markus retten! Dafür wird er in Julia Horns herausragender Langzeitbeobachtung Bruderliebe, die sich über zehn Jahre erstreckt, nahezu alles Persönliche aufgeben und jede Minute seiner Zeit in seinen Bruder investieren, der nach dem Unfall sofort ins Koma gefallen war und bald künstlich ernährt wird.

 

Der Saarländer Michael Becker gibt dafür zuerst seine Wohnung auf, zieht dann zu Markus, kündigt Jobs und Freundschaften – und igelt sich mit ihm zusammen regelrecht ein. Mit einer speziellen Mixtur aus Optimismus und Renitenz widmet er sich daraufhin Tag für Tag seinem bettlägerigen Bruder und kreiert sein eigenes Mantra: „Da ist ein Vertrauen da, ein Heimathafen“, erklärt er sich – wie dem Zuschauer – immer wieder, da er sein Wirken selbst über Jahre auf Video und in der Marte-Meo-Methodik Maria Aarts dokumentiert.

 

Dafür legt er sich Seite an Seite mit ihm stundenlang ins Bett. Er tanzt für ihn – und Markus lächelt. Akribisch, aber liebevoll üben beide gemeinsam Rechnen, Schreiben, genauso wie das Zähneputzen. Kleine Augenblicke wie das sprießende Wasser einer Brunnenanlage im örtlichen Einkaufszentrum können Markus begeistern, was gleichzeitig Michael weiter antreibt, sich neue Situationen und Begegnungen für seinen Bruder einfallen zu lassen.

 

Michael setzt dafür grundsätzlich auf viel Körpernähe und direkte Ansprache. Markus’ fragile Finger drückt er mit beeindruckender Ruhe und Konsequenz über lange Strecken, um frühere Automatismen in dessen Nervensystem von Neuem anzuregen. Kurz darauf holt Michael Fotos aus dem Familienarchiv oder er zeichnet kurze Videobotschaften aus dem Freundes- und Bekanntenkreis für ihn auf, um Markus’ Langzeitgedächtnis zu reaktivieren.

 

Aus diesen tausenden Stunden Material und dem unvergesslichen Lebenskampf der beiden Brüder hat Julia Horn zusammen mit ihren Editoren Alexandra Karaoulis und Johannes Hiroshi Nakajima einen herausragenden Dokumentarfilm montiert, der sich bereits auf den internationalen Dokumentarfilmfestivals in Toronto und München zu einem Publikumsliebling entwickelt hatte. Zusammen mit dem zart-reduzierten Sounddesign Tim Elzers und in der ebenso klugen wie stringenten Dramaturgie Julia Horns ist Bruderliebe deutlich mehr als eine bloße Langzeitdokumentation für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

 

Durch seine authentische und betont ruhige Herangehensweise ist Bruderliebe weniger ein klassischer Problem-, sondern vielmehr ein taktvoll-dezenter Liebesfilm, der stundenlang nachwirkt. Frei von reißerischen Ansätzen und ausgesprochen flüssig erzählt, brilliert Julia Horns dokumentarisches Familienpoem nicht nur als Ganzes, sondern genauso durch zahlreiche Einzelsequenzen. Voller Anmut und Würde sowie dem ausgezeichneten Gespür für eine manchmal nur beobachtende Kamera zeigt die erfahrene Fernsehjournalistin Horn darin beispielsweise das hoch emotionale Wiedersehen des Vaters mit seinem „verlorenen“ Sohn auf einem Campingplatz. Wenn beide nach gefühlten Ewigkeiten zum ersten Mal wieder zusammentreffen, fehlen einem schlichtweg die Worte. Nahezu alles erzählt sich hier minutenlang mithilfe von Gestik und Mimik, was eine ungeheure emotionale Wucht entfacht.

 

Alleine diese kleine Sequenz zählt zu den bedrückendsten wie beglückendsten Dokumentarfilmminuten dieses Jahres. Gemeinsam in der Dunkelheit des Kinosaals wie im automatischen Diskurs danach funktioniert dieses kleine-große Brüdergeschichte auf geradezu magische Weise. In seiner keineswegs zu langen und angenehm entschleunigten Form reißt Bruderliebe den Betrachter zudem immer wieder regelrecht aus seinen gängigen Alltagsgewohnheiten und lenkt ihn zu dem hin, was wir alles Gutes tun könnten. Oder um es in den Worten Michaels auszudrücken: „Wir haben doch eigentlich Zeit“.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/bruderliebe-2019