Come to Daddy (2019)

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Bei ihrem letzten Treffen war Norval (Elijah Wood) noch ein Kind, umso überraschter ist er, nach dreißig Jahren unvermittelt einen Brief seines Vaters (Stephen McHattie) zu erhalten, mit der Bitte ihn in seinem abgelegenen Strandhaus zu besuchen. Etwas fahrig, mit einem Rollkoffer, der kaum für das unwägbare Gelände geeignet ist, macht sich der selbsternannte Musikkünstler aus L.A. also auf den Weg den unbekannten Vater kennenzulernen. Welche Hoffnungen auf späte Versöhnung, Akzeptanz oder sogar Liebe er sich im Vorfeld auch gemacht haben mag, schon die ersten Momente mit dem abweisenden, rauen, ihn misstrauisch beäugend Mann in der Tür des atemberaubenden Strandhauses, der sich als sein Vater vorstellt, machen klar, dass diese Familienzusammenführung nicht reibungslos verlaufen wird. Das sich in erwartbarer Weise daraus entwickelnde, durchaus gewaltbereite Katz-und-Maus-Spiel vor einsamer Kulisse, ausgetragen zwischen Vater und Sohn, wird allerdings schon bald vor allem zu einem Spiel mit den Publikumserwartungen, denen der Film hakenschlagend immer wieder auszuweichen weiß. 

Dass Come to Daddy es schafft so leichtfüßig sowohl die Emotionalität, die Spannung, den Horror, aber vor allem den Witz seiner Geschichte zu erzählen, ohne in einen dieser Modi gänzlich abzutauchen, ist zu großen Teilen dem fantastischen Cast geschuldet. Allen voran Elijah Wood, der Norval, diesen ängstlichen, verwundbaren Hipster, so spielt, dass man immer mit, aber nur selten über ihn lachen kann. Norvals Charakter bleibt allerdings nicht das einzige Highlight in diesem bis in die Nebenrollen toll besetzten Film. 

Auch abseits der Besetzung ist Come to Daddy ein im besten Sinne handwerklich guter Film. Der tolle Soundtrack, aber vor allem das fantastische Kostüm und das in seinen Details liebevoll gestaltete Haus des Vaters schaffen ein wunderbares Setting, in dem die Figuren, seien sie auch noch so seltsam, vom Moment ihres Auftretens klar gezeichnet werden und sich nicht erst in umständlich künstlichen Dialogen dem Publikum bekannt machen müssen. Die vergleichsweise kurze Laufzeit von knapp 90 Minuten ist damit von einem großartigen Timing bestimmt. Augenblicke grotesker Gewalt halten sich dabei die Waage mit guten, durchaus selbstreflexiven Gags, ohne dass der Film dabei zur reinen Genreparodie wird. 

Ant Timpsons Film ist ein emotionaler und zugleich lustiger Horrortrip, dessen liebevolle Schrägheit vor allem eine große Liebe zum Medium Film und dessen vielfältigen, auch abseitigen Ausprägungen zum Ausdruck bringt. Damit ist Come to Daddy ein weiterer Beweis, dass es im Genrekino keineswegs einen Widerspruch darstellt, ein einfühlsames Kammerspiel zu drehen, über den Wunsch eines jungen Mannes, endlich die Anerkennung des verlorenen Vaters zu gewinnen, das zugleich auch ein kleiner, blutbespritzter Indie-Horrorfilm sein kann. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/come-to-daddy-2019