Voyage of Time (2016)

Das Raunen von Mutter Erde

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In rund 90 Minuten entwirft Malick eine Reise durch das Universum und die Entstehung des Lebens, die vom Urknall bis zu den Steinzeitmenschen reicht. Untermalt wird der teilweise hypnotische Bilderbogen von sphärisch-sinfonischer Musik (gerne mit Choral-Begleitung) und dem Flüstern und Wispern von Cate Blanchett, die sparsame Kommentare einspricht, die sich an eine eher kosmische "Mutter" richten, die als "Trägerin des Lebens" und "Überbringerin des Guten" bezeichnet wird, als Symbol für die ewige (Wieder)Geburt des Lebens in all seinen Daseinsformen.

Im Wesentlichen gliedert sich der Film in drei Teile, ohne dass diese klar also solche benannt wären. Im ersten geht es um die Entstehung des Kosmos und der Erde, im zweiten um die Geburt des organischen Lebens und im dritten um die Entwicklung der Spezies Mensch, für die Malick aber das geringste Interesse aufbringt – sie endet (abgesehen von gelegentlichen Inserts des chaotischen Lebens dieser Spezies) mit den grundlegenden zivilisatorischen Errungenschaften und Techniken wie der Erfindung von Werkzeugen und Waffen, dem Tragen von Kleidung und dem Feuer. Dieser letzte Teil fällt gegenüber den beiden vorhergehenden vor allem ästhetisch rapide ab. Zumal sich Urzeitmenschen mit von Bodybuilding gestählten Körpern und Zähnen, die fatal an das falsche Gebiss in Toni Erdmann erinnern, fast schon komisch ausnehmen.

Überhaupt überzeugt Voyage of Time: Life’s Journey – und darin liegt eine Tendenz, die man bereits in den vorigen Filmen Malicks beobachten konnte, – vor allem dann zumindest teilweise, wenn sich der Regisseur von allem Menschlichen abwendet und sich in reiner Naturbetrachtung und Welterklärung ergeht. So poetisch und stimmungsvoll gehaucht Cate Blanchetts Voice-over auch sein mag – abgesehen von einer gewissen Grundstimmung ergibt er kaum wirklich Sinn, transportiert keinerlei Kontext oder Information, sondern wirkt wie ein dunkel waberndes (und ja, gerne auch laberndes) Gedicht, eine Hymne an die Erde, das Leben, das Mütterliche als schöpferisches Grundprinzip. Merkwürdig mutet es zudem auch an, dass in Malicks Schöpfungskosmologie zwar die Geburt andauernd vorkommt, der Tod aber (nicht nur der individuelle, sondern auch derjenige der Arten) aus diesem Kreislauf des Lebens verbannt wurde.

So bietet Voyage of Time: Life’s Journey zwar über weite Strecken einen zweifelsohne gewaltigen ästhetischen Genuss – selten (vielleicht am ehesten in Koyaanisqatsi von Godfrey Reggio and Ron Fricke) hat man Lava so schön blubbern, Vulkane so herrlich explodieren, die Natur so prachtvoll in all ihrer Schönheit und ihren teilweise bizarren Schöpfungen gesehen. Sucht man aber nach dem tieferen Sinn, nach Malicks ureigener Sicht auf die Entstehung der Welt, bleibt außer dunklem Geraune und einem in Worte gefassten Mutterkomplex gegenüber der Schöpfung nicht viel übrig.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/voyage-of-time-2016