Bombshell - Das Ende des Schweigens (2019)

Ein Vielleicht, das Hoffnung macht

Eine Filmkritik von Bianka-Isabell Scharmann

Bevor #metoo 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals viral ging und bevor Donald Trump Präsident wurde, explodierte eine andere Bombe in den USA: Gretchen Carlson, ehemalige FOX News-Moderatorin, reichte Klage wegen sexueller Belästigung gegen Roger Ailes, den langjährigen CEO von FOX ein, der im Zuge interner Ermittlungen all seine Ämter im Juli 2016 niederlegen musste. Basierend auf wahren Begebenheiten, erzählt „Bombshell“ die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge nach. Der Film beginnt mit Ereignissen im Jahr 2014 während der Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump als Megyn Kelly, ebenfalls Fox-Moderatorin und aufstrebender Star, den Kandidaten der Republikaner bei einer Debatte herausforderte. 

Es soll hier nicht darum gehen, zu fragen, inwieweit der tatsächliche Skandal dem entspricht, was wir im Film sehen, ob das „die Wahrheit“ ist – ist doch jeder Film seine eigene Wahrheit. Auch wenn er eine Bearbeitung eines wahren Skandals ist. Sie stehen in Verbindung, sind jedoch nicht eins. Und die Frage ist eben, was der Film aus dem Skandal macht, welche Perspektiven er eröffnet, ermöglicht oder aber auch woran er letztendlich zumindest teilweise (leider) schwächelt.

Ästhetisch ähnelt der Film sehr stark The Big Short (2016), was auch kaum verwunderlich ist, hat doch Charles Randolph für beide Filme am Drehbuch mitgeschrieben. Tempo im Schnitt, der Bewegungen, die schnellen Dialoge, das Zusammenlaufenlassen verschiedener Erzählstränge: all das ähnelt sich. Doch anders als The Big Short wandelt Bombshell teilweise auf einem schmaleren Grad, von dem der Film immer wieder droht, abzurutschen. Das Konzept ist zu wenig dynamisch für die Fülle an Material, an Informationen, für die Chronologie und auch die Botschaft, die der Film eigentlich versucht, zu senden.  

Der Film beginnt mit der Stimme von Charlize Theron als Kelly aus dem Off, erzählerisch, schnell, ironisch. Hierin manifestiert sich ein erstes Motiv, das den gesamten Film durchzieht: Frauen eine Stimme geben. Ihnen mehr Raum zu geben, zur Aktion, ihre Perspektive zu zeigen, die Frauen erzählen zu lassen. Im Zentrum des Films stehen dann eben auch drei Journalistinnen von FOX News: die bereits erwähnten Carlson und Kelly, gespielt von Nicole Kidman und Charlize Theron (die für den Oscar für die beste Hauptdarstellerin nominiert ist) sowie der fiktive Charakter der Kayla Pospisil (Margot Robbie, ebenfalls nominiert in der Kategorie beste Nebendarstellerin). Apropos Raum: es ist ein Raum, der alle drei ein einziges Mal im Film zusammenbringt. Ein Fahrstuhl, Sinnbild für den Aufstieg und den Abstieg sowohl gesellschaftlich als auch ökonomisch. (Wer denkt an dieser Stelle an High-Rise von J.G. Ballard?) Neben Kelly kommen im Verlauf auch alle anderen Frauen zu Wort, Carlson, Pospisil, die sich irgendwann zu den Stimmen vieler Frauen, denen anderer Opfer von Ailes mischen. 

Kelly wagte es, Trump anzugehen und eine Stellungnahme zu seinem Frauenbild zu fordern. Ihr Teil der Geschichte beginnt mit einer Twitter-Fehde im Zuge der Debatte: Von Trump blonder Bimbo genannt, blondes Dummchen, „bombed“ im TV – daraus wurde Bombshell. Was übrigens auch Bombe, Knalleffekt oder punshline bedeutet. Kelly wurde von ihrem Boss an Trump geliefert. 

Er war der Mann der langen Beine: Roger Ailes (John Lithgow) hatte die Macht über Karrieren – von Frauen wie auch von Männern. Doch erstere ließ er seine Gunst materiell bezahlen: in Körpern, in sexuellen Handlungen. Zeig mir, wie loyal du bist, du findest einen Weg. Dir fällt schon was ein. Loyalität. Loyal zu sein bedeutet, auf die Knie zu gehen. 

Als CEO von FOX war sein Motto: Fernsehen ist ein visuelles Medium. In den Garderoben gab es keine Hosen. Er ließ durchsichtige Glastische in den Studios installieren, damit die Zuschauer*innen die Beine der Moderatorinnen sehen konnten. Es ist dann auch ein bestimmter Look, der der „Moderatorinnen-Barbie“ wie er im Film von Kate McKinnons Jess-Carr-Charakter kommentiert wird und der den Film wie auch das Erscheinungsbild von FOX prägt. Und im Hinblick auf diesen ist dann die Nominierung für den Kostüm- und MakeUp-Oscar mehr als gerechtfertigt. 

Die Frauen werden extra im Hinblick auf die Qualität ihres Körpers hin gecastet. Auf ihre Präsentierbarkeit, looked-at-ness, wie man mit Laura Mulvey sagen würde. Und das natürlich auf Ailes hauseigener Couch. Was mich zu der mir am stärksten im Gedächtnis gebliebenen Szene bringt. Weil sie unangenehm war, unter die Haut ging, einschnitt, schmerzte und anwiderte. 

Kayla Pospisil, ein fiktiver Charakter, der extra geschaffen wurde, um Ailes‘ Auswahlpraxis zu zeigen, wird gespielt von Margot Robbie, die für den Oscar der besten Nebendarstellerin nominiert ist. Sie ist ehrgeizig und will es unbedingt vor die Kamera schaffen. Zu diesem Zweck passt sie den perfekten Moment ab, um sich eine Audienz im zweiten Stock zu verschaffen. (Der Fahrstuhl fährt nach unten, wir werden darauf zurückkommen. Der Aufbau, die Hierarchie des Hochhauses ist eigentlich einen eigenen Text wert.) Von ihrer Kollegin schon morgens bemerkt, wissen nun die Zuschauer*innen auch, warum Robbie in dem hautengen Schwarzen zur Arbeit gekommen ist. 

Die Szene auf der „Casting-Couch“ des mächtigsten Mannes von FOX News hat ein anderes Tempo als der Rest des Films, sie ist langsamer, lauernder. Und fängt damit perfekt die Stimmung in diesem Büro ein, das durch zwei Sicherheitstüren erst betreten werden kann – samt Hintertürfahrstuhl, über den die sich gerade loyal zeigenden Frauen unbemerkt hineinschlüpfen können. Besonders perfide: die Sekretärin, die ihm wohl schon seit Jahrzehnten Frischfleisch besorgt. Und das, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Sie wird wissen, was Ailes von Kayla fordert: steh auf, dreh dich, zeig mir deine Beine. Darauf war sie selbst auch noch vorbereitet, das können wir sehen, sie hält es zwar für albern, das spiegelt sich in ihrer Mimik wider, steht aber auf, modelt ein wenig für ihn, wirft sich in Pose. 

Doch Ailes geht weiter. Er fordert mehr. Lass mich mehr von deinen Beinen sehn. Sie stutzt. Komm schon. Wir sehen den inneren Kampf auf Robbies Gesicht. Tempo wird rausgenommen. Wie auch ihre Entscheidung, kurz das Kleid am rechten Bein hochzuziehen – und schnell, nach kurzer Pose, wieder runterzulassen. Doch Roger reicht das nicht. Die Kamera fängt jede noch so kleine Emotion auf Robbies Gesicht ein, nach jedem Zentimeter, den Roger einfordert, das Zucken, das Beben, die Scham in den Augen, die Resignation. Das Angewidert-Sein von sich selbst. Das keinen Ausweg sehen. Das „Ich mache es doch für den Job“. Bis man schließlich ihren Slip sieht. Sie die Augen schließt. Und Rogers Stimme, die sich immer stärker in Ekstase steigerte, schließlich hörbar befriedigt ausatmet und sich bei ihr bedankt. 

„Soldier“ kann zweierlei bedeuten: Soldat*in und als Soldat dienen. Was mich zu einem weiteren Motiv bringt, das des soldier. Dieses wurde von Ailes selbst eingebracht: die Frauen müssen ihm einen blasen, wie das brave Soldatinnen eben tun, die den Regeln folgen. Blowjobs als Eintrittskarte. 

Diesem Motiv ist dann auch der seltsamste Moment im gesamten Film geschuldet, der ästhetisch die Fiktion aufbricht und den Film näher an den dokumentarischen Gehalt rückt. Eine Bildergalerie der „gefallenen Soldatinnen“, sozusagen: die ersten Opfer – oder sind es die überlebenden Heldinnen? – von Ailes werden gezeigt. Alles Fälle aus vor seiner Zeit bei FOX. Mit großem Foto. Man lässt sie sprechen, sie selbst erzählen, was passiert ist. Die Frage ist nur, warum man sich für dieses Mittel entschieden hat, wo man doch alle anderen wirklichen Personen hat verkörpern lassen, warum man nicht hier das Mittel eines nachgestellten Rückblicks gewählt hat? Oder die Stimme aus dem Off, wie es auch für Kidman, Theron und Robbie der Fall war? Eine seltsame Entscheidung, die die Diegese aufbricht und den Film in zwei Hälften teilt. Nicht zu vergessen, das Tempo rausnimmt. Und die Emphase ist seltsam. Man weiß nicht genau, ob man sich Opfern oder Heroinnen gegenübersieht. 

Man muss beim Sehen von Bomshell aufpassen, nicht jemanden zu übersehen. Denn immer wieder überrascht der Film mit der hochkarätigen Besetzung bis in die kleinsten Rollen hinein. Kate McKinnon spielt Jess Carr, eine Frau, die ihre Homosexualität an der Arbeit verstecken muss. Mark Duplass als der Ehemann von Kelly, Doug Brunt. Jennifer Morrison taucht auf, Amy Landecker… 

Und dann wären da noch die Murdochs: neben dem Familienoberhaupt Rupert Murdoch (Malcolm McDowell), der Inhaber von FOX, sind auch seine Söhne zu sehen. Lachlan und James Murdoch werden von einem echten Brüderpaar gespielt: Josh und Ben Lawson treten als wandelnde Schränke im Anzug auf. Und tatsächlich geht von ihnen, die meistens wichtige Telefonate machend zu sehen sind, gefühlt keine Bedrohung aus. Sie wirken wie handzahme Bodyguards ihres Vaters. Falls dies Zynismus sein sollte, ging der aber leider an mir verloren. Sie wirkten nämlich genau so verloren. 

Immer wieder klang im Film auch das Thema des Vermächtnisses an: die Welt, die wir unseren Töchtern hinterlassen soll, muss eine bessere, eine andere sein. Dieser Wunsch wurde in den Blicken der Mütter auf ihre Töchter ausgedrückt, in denen von Carlson und Kelly, die lange auf diesen verweilten. Ein wenig länger und es wäre zu pathetisch geworden.

Eine Gag-Klausel besagt, dass man nicht nach Erhalt der Abfindung über den Fall sprechen darf. Gretchen Carlson hat eine solche unterschrieben. Ihre Anwälte bedauern, dass sie nicht über ihre Erfahrungen sprechen darf, dass sie schweigen muss. „Vielleicht“. Damit schließt der Film. Und es ist dieses Vielleicht, was nachhallt. Ein Vielleicht, das Hoffnung macht, ein Vielleicht des Kampfes mit festem Blick in die Kamera gesprochen.

Insgesamt wandert Bombshell auf einem schmalen Grat zwischen Pathos, Politik und Dokumentation – nicht immer, ohne zumindest kurz über dem Abgrund zu straucheln. Er scheitert teilweise an der zu groß gewählten Perspektive, die aus einer löblichen Grundmotivation herrührt: es sollen all die Geschichten der Frauen gehört und gezeigt werden, die Ailes in seinem Leben berührt, gestreift oder sonst wie angefasst hat – figurativ und tatsächlich. Es ist ein sehenswerter Film geworden, wenn auch kein durchweg herausragender. Das ändert nichts daran, dass es ein wichtiger ist.   

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/bombshell-das-ende-des-schweigens-2019