Marriage Story (2019)

Szenen einer Scheidung

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Mit dem Sohn zieht sie zurück zu ihrer Familie nach Los Angeles, wo sie eine Hauptrolle für eine TV-Serie angeboten bekommen hat. Charlie bleibt in New York, das Stück, zu dessen Erfolg Nicoles Schauspieltalent beigetragen hat, soll nun ohne sie am Broadway aufgeführt werden. Als Nicole die Scheidungsanwältin Nora (Laura Dern, die die schönste feministische Tirade der letzten Jahre halten darf) einschaltet, ist klar, dass die Sache hässlich wird. 

Noah Baumbach seziert einen Scheidungsprozess, der mit jeder Runde tiefer in die Intimsphäre der beiden Ehepartner vordringt. Nicole erzählt ausgerechnet gegenüber ihrer Anwältin zum ersten Mal offen, warum sie sich trennen will. Nie habe Charlie ihren Wunsch ernst genommen, wieder zurück nach Kalifornien zu gehen, wo sie Familie hat. Nie habe er darauf geachtet, was sie wollte, welche Karriereschritte ihr wichtig waren. Zuletzt habe er noch darüber gespottet, dass sie vom Theater zum Fernsehen wechsle. Und dann war da noch die Affäre, die er mit einer Kollegin am Theater begonnen hat. Wie Nicole es erzählt, ist klar, dass diese Affäre, so verletzend sie war, nicht der Trennungsgrund war, sondern das Nicht-gehört-werden und das Nicht-ernst-genommen werden, viel schwerer wiegen, den größeren Betrug bedeuteten, als der Sex mit einer anderen Frau. 

Baumbach setzt vollkommen auf seine Hauptdarsteller - und die waren selten so gut. Wenn Scarlett Johansson der Scheidungsanwältin von der ersten Begegnung mit ihrem Noch-Ehemann erzählt, hätte ein anderer Regisseur oder eine andere Drehbuchschreiberin vielleicht auf eine Rückblende gesetzt, statt der Hauptdarstellerin einen Monolog zu geben. Minutenlang hängt die Kamera an Johanssons Gesicht. Und am Ende ihrer Erzählung hat man nicht nur das Gefühl, die Szene miterlebt zu haben, man weiß auch ein weiteres Detail über diese Beziehung, die einem nach 135 Minuten so vertraut vorkommt, als wäre man mit diesen Menschen befreundet (man hat sogar das Gefühl dieses Paar besser zu kennen, als manche Menschen, die sich Freunde nennen). 

Dass man diesem Drama bis zum Ende folgt, liegt auch daran, dass Baumbach keinen klassischen Bösewicht in seiner Geschichte hat. Es gibt hier kein schwarz und weiß. Jeder hat gute und schlechte Seiten und niemand, nicht einmal der Haifisch-Scheidungsanwalt Ray Liotta, ist unfähig oder unzulänglich in seinem Job. Kurzum, das Drehbuch ist exzellent, denn Baumbach weiß, dass zwischen all die Tragik Komik gestreut werden muss. Sogar zwei Gesangsnummern (eine von Johansson, eine von Driver) sind nicht aufgesetzt oder peinlich, sondern weisen den Weg, wohin die Beiden sich am Ende der Trennung entwickelt haben. Marriage Story ist der beste Film über Beziehungen, den Baumbach seit Der Tintenfisch und der Wal gemacht hat. 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/marriage-story-2019