Last Christmas (2019)

Londoner Weihnachtsromanze in rauer Brexit-Zeit

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die Geschichte dreht sich um die junge Kate (Emilia Clarke), die nach einer schweren Krankheit ihre Gesangskarriere in London in Angriff nehmen will. Sie jobbt im Elfenkostüm in einem Laden, der ganzjährig Weihnachtsdeko und Christbaumschmuck verkauft. Sie lernt Tom (Henry Golding) kennen, einen gutgelaunten jungen Mann, der sie durch die von Lichterketten durchzogene Stadt führt. Aber das London des Jahres 2017 ist nicht unbeschwert. Der Brexit ist beschlossen, das soziale Klima rauer geworden, die Zukunft erscheint ungewiss. Kates Familie floh aus den Jugoslawien-Kriegen Ende des vorigen Jahrhunderts nach England. Besonders die traumatisierte Mutter Petra (Emma Thompson) registriert die wachsende Ausländerfeindlichkeit wachsam und fürchtet gar, wieder zurückgeschickt zu werden.

Vor dem Obdachlosenheim, in dem Tom ehrenamtlich arbeitet, stehen die Menschen Schlange. Kate hat zurzeit auch kein Zuhause, aber sie übernachtet lieber bei Freunden, als zu ihren Eltern zu gehen, weil sie die überfürsorgliche Mutter nicht erträgt. So mischen sich ein paar Wermutstropfen in die von den Drehbuchautorinnen Emma Thompson und Bryony Kimmings verfasste Geschichte. Ihre Fertigstellung erlebte George Michael, der die Filmidee unterstützt hatte, nicht mehr – er starb bekanntlich überraschend am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2016. Unter der Regie des Amerikaners Paul Feig (Brautalarm) ist eine Komödie entstanden, deren romantisch-melancholischer Zauber sie stimmungsmäßig irgendwo zwischen Tatsächlich… Liebe und dem überirdisch gefärbten Solange du da bist verortet.

Mit ihrem sonnigen Lächeln und ihrer fröhlichen Art kann Kate die Menschen, die sich im vollgestopften Weihnachtsschmuckladen der Chinesin Santa (Michelle Yeoh) umschauen, in Kauflaune versetzen. Falls sie denn nicht gerade wieder auf ihr Handy schaut oder telefoniert, was Santa, die natürlich nur wegen des Geschäfts so heißt, auf die Palme bringt. Kate ist richtig schusselig, ihr flatterhaftes Verhalten kostet sie die letzten Sympathien ihrer Freunde. In slapstickhaften Szenen wird geschildert, wie sie beim Vorsprechen für Rollen scheitert, wie sie in verschiedenen Wohnungen Schäden verursacht. Kates ältere Schwester Marta (Lydia Leonard), die Jura studiert hat und die Disziplin in Person ist, wirft ihr wütend Verantwortungslosigkeit und Egoismus vor. Und nun droht auch der Bruch mit Santa, die Kate sehr gerne hat, aber aufpassen muss, dass ihr die unaufmerksame Aushilfe nicht buchstäblich den Laden ruiniert.

Emilia Clarke schafft es, der egozentrischen Kate eine sympathische, hoffnungsfrohe Unschuld zu verleihen. Mit ihrem blonden Haar und dem grünen Elfenkostüm erinnert sie an die kindlich-eigenwillige Fee Tinkerbell aus den gleichnamigen Animationsfilmen. Im Gegensatz zu ihr scheint der patente Tom mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Henry George stattet ihn mit romantischem Charme, Lebhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit aus. Zu Kates Leidwesen hat der Mann gerade kein Handy zur Verfügung und legt darauf auch keinen Wert, also kann sie ihn nicht kontaktieren, wenn ihr gerade danach ist. Dafür aber öffnet er ihr bei gemeinsamen Streifzügen durch die Londoner Straßen die Augen für architektonische Details, für Dinge, die man nicht sieht, wenn man nur geradeaus blickt oder mit gesenktem Kopf aufs Handy starrt.

Tom führt Kate unter anderem durch das engste Gässchen der Stadt und zu einem verwunschenen kleinen Garten mit Holzbänken, einer Ruheoase zum Träumen mitten in der Metropole. Kate verliebt sich und blüht auf, beginnt gar, sich für andere Menschen zu interessieren und Gutes tun zu wollen. Der Film spart nicht mit Lichtermagie in der abendlichen Stadt, sogar im abgeschiedensten Winkel leuchten noch weihnachtliche Ketten. Dieses London strahlt einen unwiderstehlichen, sanft anheimelnden Zauber aus. Aber er wird auch immer wieder ironisch-witzig gebrochen, was ihn nur interessanter macht.

Da wäre beispielsweise das unscheinbare, gesichtslose Häuschen, in dem Kates Eltern leben und dessen Fassade von der pflichtschuldigen Weihnachtsdeko nicht wirklich aufgehübscht wird. Oder Santas Laden, in dem es nicht nur jede erdenkliche Art von Weihnachtskugeln, glitzernden Sternchen und Krippenkitsch gibt, sondern sogar Weihnachtsäffchen und grellen Schnickschnack, den sich nur heimliche Verächter des Fests ausgedacht haben können. Kate erkennt unschwer, dass der dänische Kunde (Peter Mygind), der oft gedankenverloren vor dem Laden steht, und die strenge Santa füreinander bestimmt sind. Aber sie brauchen ein wenig Assistenz, um nicht gleich an ihren eigenen Barrieren zu scheitern.

Zu den besten und originellsten Aspekten der Komödie zählt Emma Thompsons Darstellung der osteuropäischen Mutter Petra. Ihr mit starkem Akzent versehenes, bescheidenes Englisch, ihr düsterer Gesang, mit dem sie die geliebte Tochter Kate eines Abends in den Schlaf singen will, ihre dominante, hemdsärmelige Art machen aus der Person eine sympathische Karikatur.

Nicht nur wegen dieser markanten Figur wirkt die Geschichte, die auch betont, wie sehr Diversität zum Alltag, zum Lebensgefühl dieser freiheitsliebenden Großstadt gehört, eigenwillig. Die ganze Handlung bleibt in eine rätselhafte Aura gehüllt, bis sie schließlich tuschartig die Maske fallen lässt. Die Zuschauer*innen brauchen sicherlich ein paar Momente, um die überraschende inhaltliche Volte zu verdauen und sich klarzuwerden, ob sie den Film ziert oder eher verunstaltet. Die Botschaft der Versöhnung, des Zusammenrückens, des solidarischen Miteinanders mutet auf jeden Fall weihnachtlich an. Spritzig wirkt diese romantische Komödie zwar nicht, aber ihr märchenhafter Zauber sorgt für angenehme Unterhaltung.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/last-christmas-2019