Love After Love (2017)

Die Qual nach dem Ende

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Was Love After Love und die Filme von Pialat eint, sind nicht nur die Sujets und die nüchterne Tonlage, sondern ist auch die elliptische Erzählstruktur. So beginnt Harbaughs Werk mit einer vergleichsweise harmonischen Familienfeier, auf der Suzanne (Andie MacDowell) und Glenn (Gareth Williams) mit ihren erwachsenen Söhnen Nicholas (Chris O’Dowd) und Chris (James Adomian) sowie einer Reihe von Verwandten und Bekannten den Sommer im Freien auf ihrem suburbanen Grundstück genießen. Doch schon kurz darauf liegt Glenn, dessen Kurzatmigkeit und brüchige Stimme uns einen ersten Hinweis auf eine Krankheit gaben, im Sterben. Der Kameramann Chris Teague, der auf dem Tribeca Film Festival für seine Arbeit prämiert wurde, fängt das Röcheln des Sterbenden und die Versuche der Angehörigen, dem Ehemann und Vater im eigenen Zuhause ein würdiges Lebensende zu ermöglichen, aus der Distanz ein. Es gibt keine Großaufnahmen mit schmerzvollen Gesichtern, keine Blickwechsel, die mehr als 1000 Worte zu sagen vermögen, sondern nur ein permanentes Unbehagen. Die Figuren stehen verunsichert herum, sie bewegen sich ziellos durch den Raum. Man kennt das aus dem Leben, sieht es aber selten so treffend auf der Leinwand.

Es dauert nicht lange, bis die Familie den Vater verloren hat – und auf die Qual vor dem Ende die Qual nach dem Ende folgt. Diese zeichnet sich nicht, wie es in der Kitschvariante dieses Stoffes der Fall wäre, durch kathartisch wirkende Auseinandersetzungen aus, an deren Schluss zumeist die Versöhnung steht, sondern durch eine Mischung aus passiver Aggression, Peinlichkeit und Banalität. Auch hier kommt Love After Love der Realität oft so nah, dass es weh tut. Die beiden Brüder gehen mit dem Verlust sehr unterschiedlich um. Nicholas trennt sich von seiner Partnerin Rebecca (Juliet Rylance) und stürzt sich in eine neue Beziehung mit der deutlich jüngeren Emilie (Dree Hemingway), der er jedoch ebenfalls nicht treu sein kann. Chris sucht Trost im Alkohol. Er habe seinen Vater „behasswundert“, sagt Chris an einer Stelle während eines Stand-up-Comedy-Auftritts – und besser lässt sich die Ambivalenz, die im Zwischenmenschlichen und gerade im Innerfamiliären herrschen kann, vermutlich nicht auf den Punkt bringen. Chris O’Dowd und James Adomian verkörpern ihre Parts denkbar furchtlos: Sie wollen in ihren Rollen von uns nicht gemocht werden, sie buhlen nicht um unsere Sympathie, nicht mal in kleinen Momenten am Rande.

Gleiches gilt für Andie MacDowell. Selten hat man als Zuschauer_in erlebt, wie sich die Trauer um einen geliebten Menschen nicht in leinwandtauglich-anrührenden Gesten zeigt, sondern in der ehrlichen, nachvollziehbaren Frustration darüber, wie das Leben einfach so weitergeht – in all seiner Profanität, die einen in den Wahnsinn treiben kann. Als Suzanne anfängt, sich wieder mit anderen Männern zu treffen, fühlt sie sich, als hätte sie Affären. Wenn sie bei Theaterproben eine junge Schauspielerin heftig kritisiert, ist das weder freundlich noch fair. Und wenn sie gegenüber Nicholas nach dessen Trennung von Rebecca äußert, dass diese „eine ernst zu nehmende Persönlichkeit“ war, und somit die neue Beziehung ihres Sohnes ins Lächerliche zieht, ist das eine extrem prägnante Erfassung der Art und Weise, wie Konflikte zwischen Menschen, die sich eigentlich offen begegnen müssten, allzu häufig ausgetragen werden.

Ein in 16-mm-Aufnahmen gefilmtes Porträt einer bürgerlichen Familie in Trauer – das hätte leicht ein weiteres blutleeres Drama mit stereotyp gezeichneten Gestalten, Kalendersprüchen und hübschen Lösungen werden können. Harbaugh hat sich aber für die Härte des Alltags, für das Schwelende und das Schwierige entschieden.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/love-after-love-2017