Mein Ende. Dein Anfang. (2019)

Liebe und Leid

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Viele kleine Momente des Paares zeigt sie, Szenen aus dem Alltag, die aber doch speziell sind; Schlittschuhfahren, weil Nora in ihrer Kindheit in Richtung Eislaufkarriere unterwegs war; eine Gartenfeier, auf der die beiden plötzlich eine Musicaleinlage zu Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein von Münchner Freiheit hinlegen; Spaziergänge; Kotzen nach einer Party: Augenblicke, in denen etwas aufblitzt von dem, was die beiden ausmachte, jeden für sich und gemeinsam.

Bis ziemlich am Anfang des Films die Katastrophe passiert. Ein Banküberfall. Ein Toter. Schock, Trauer. Eine einsame Nora, die nur noch das vergangene Glück hat. Von hier aus entfaltet Minoguchi ihren Film, ihre Liebesgeschichte, ihren Thriller, ihr Drama. Denn sie schaltet zu Noras Erinnerungen eine Nebengeschichte ein, eine Zweithandlung, die nicht im mathematischen Sinn parallel stattfinden, nein: Die sich schneidet mit Noras Story von einem Leben im plötzlichen Stillstand. Natan (Edin Hasanović) ist da, mit seiner Tochter und seiner Freundin, die Beziehung ist schwierig, die Tochter schwer krank. Natan ist manchmal ein Hitzkopf, leider, und oft sehr liebevoll und zärtlich; auch leider. Denn Nora und Natan treffen sich. Und sie haben mehr miteinander zu tun, als das Film-Intro mit Arons Vortrag an der Uni ahnen lässt: Es geht um Déjà-vus, um Erinnerungen an die Zukunft, um die Gleichzeitigkeit der Zeit, um die Zusammenhänge zwischen allem.

Der Film glaubt an diese These. Aber er bleibt nicht im harsch Philosophischen der Physik hängen, er entwickelt seine Geschichte der Zufälle, die vielleicht keine sind, und der Begegnungen, die vielleicht zwangsläufig sind. Mit großer Konsequenz in der Plotführung – aber mit großer Leichtigkeit in der Konzeption: Mein Ende. Dein Anfang. umfängt den Zuschauer von Beginn an, führt ihn an der Hand durch Liebesgeschichte und Krimidrama.

Viele Details sind klug eingesetzt, spinnen ein Netz um die Filmszenen, um die Handlung, die Vergangenheit und Gegenwart verflicht: Die Geschichte erhält so eine noch zusätzliche Spannung. Ein Kassenzettel, ein Armband, Regen oder Haferflocken erhalten Bedeutung; und das ist nicht die Bedeutung üblicher filmtypischer Emotionalisierung, in der Gegenstände symbolisch aufgeladen werden, damit der Zuschauer was zu fühlen hat. Nein, umgekehrt: Die Figuren legen ihre Emotionen in die Details, weil Erinnerung so funktioniert: Aus dem Kleinen wird das Große sichtbar.

Saskia Rosendahl in der Hauptrolle wirkt beinahe ätherisch, immer macht sie etwas mit ihren Mundwinkeln, was Lachen oder Weinen zugleich sein kann. Sie kann Schock und Glück, Trauer und Liebe – auch diese Emotionen oft gleichzeitig in der geschickt verschachtelten Szenenfolge des Films. Sie führt den Zuschauer durch die ganze Bandbreite der Gefühle, durch Leben und Tod und Anfang und Ende.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mein-ende-dein-anfang-2019