Bruder Schwester Herz (2019)

Wo Geschwisterliebe aufhört

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Während Franz (Sebastian Fräsdorf) fürs Handwerk zuständig ist, den Stall repariert und sich um Vieh und Felder kümmert, verantwortet Lilly (Karin Hanczewski) die Geschäfte des Hofes und träumt nebenbei vom Fortschritt. Des Nachts bastelt sie an einem Modell für einen neuen Stall und den Visionen für den elterlichen Betrieb. Dass sie auf dem Hof festsitzt und sie das landwirtschaftliche Leben einengt und aussaugt, merkt sie allerdings erst, als sie Chris (Godehard Giese) kennenlernt, den Frontman einer Band, die auf dem alljährlichen Sommerfest spielt.

Sie verliebt sich in den Künstler und entdeckt ganz neue Seiten an sich. Franz, der schon immer sein Leben in vollen Zügen genossen hat, am Abend die Kneipe im Dorf besuchte und immer wieder Damenbesuch hatte, während Lilly sich darum kümmerte, den Vater (Wolfgang Packhäuser) zu versorgen und ins Bett zu bringen, reagiert darauf mit, ja, Eifersucht. Gleich zu Beginn beäugt er den Sänger mit Indianerstirnband mit Skepsis. Als dieser länger am Hof weilt als geplant, ist Franz erst genervt, dann schlechtgelaunt und schließlich aggressiv. Als es zu einer scheußlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden kommt, zieht Lilly Konsequenzen und fährt mit Chris davon.

Von heute auf morgen ist Lilly weg, und das macht sich schnell bemerkbar auf dem Hof wie im Dorf. Und Franz schlittert in eine bittere Krise. Sowohl Lillys Verliebtheit als auch ihr Weggehen lassen ihn ahnen, wie eng, aber auch aussichtslos die Situation der beiden Geschwister war. Sie haben das Leben einer Ehe geführt, die allerdings nirgendwohin führen kann. Denn sowohl Franz als auch Lilly müssen erwachsen werden und ihren eigenen Weg gehen, anstatt direkt die Rollen ihrer Eltern zu übernehmen.

Nur eine freut sich über die neue Situation: Sophie (Jenny Schily), die im Büro mitgeholfen hatte, übernimmt nicht nur die Geschäfte, sondern auch die Küche und bald das Schlafzimmer von Franz. Als sie den lange erträumten Gemüsegarten anlegt, ist die Übernahme perfekt. Und für Franz sind Sophies Avancen eine willkommene Lösung für das nichteingestandene Problem. Als Lilly dann zum Geburtstag ihres Vaters zurück auf den Hof kommt, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

In Bruder Schwester Herz lotet Tom Sommerlatte aus, wie weit eine Geschwisterliebe gehen kann und wo ihre Grenzen liegen. Wie stark darf man sich für das Familienleben selbst aufgeben – das ist eine Frage, die meist vor allem die Eltern betreffen. In Bruder Schwester Herz müssen sich die Kinder damit auseinandersetzen. Letztendlich mischt der Film die Rollen und erzählt gleichzeitig die Coming-of-Age-Geschichte von Mittdreißigern. Zumal er die Situation durch das Setting der Geschichte auf dem Land und einem landwirtschaftlichen Hof noch verschärft.

Der Film wird getragen von einer immerwährenden Spannung, die wie ein feiner Teppich über dem Plot liegt. Schon nach den ersten Szenen spürt man, dass es so nicht weitergehen kann im Leben der Protagonisten, es knistert und brodelt an vielen Stellen der Geschichte. Dabei lebt Bruder Schwester Herz von seinen überzeugenden Hauptdarstellern: dem immer melancholischen, dann bedrückten und immer grimmiger werdenden Sebastian Fräsdorf in der Rolle des Franz und einer kraftvollen, wütenden und gleichzeitig sehnsüchtigen Karin Hanczewski als Lilly.

Letztendlich sehnen sich beide zurück in eine Zeit, die es nicht mehr gibt: Die unbeschwerte Zeit ihrer Kindheitstage, als sie mit Cowboyhüten über den Hof rannten, die Eltern noch zusammen und die Welt noch in Ordnung war. Dass das Gestern kein Heute sein kann, gestehen sich beide nur langsam ein und vergessen darüber, die Gegenwart zu akzeptieren und sich an die neuen Gegebenheiten zu adaptieren. Eine kleine Chance, dass die Zukunft doch noch im Glück passieren kann, gibt Tom Sommerlatte seinen Figuren zum Glück aber noch – die wird aber nicht verraten.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/bruder-schwester-herz-2019