Und wer nimmt den Hund? (2019)

Midlife-Crisis mit Redefluss

Eine Filmkritik von Falk Straub

Die Gesprächspartner heißen Doris (Martina Gedeck) und Georg (Ulrich Tukur). Nach 25 Jahren ist ihre Ehe am Ende, weil sich der renommierte Meeresbiologe in seine Doktorandin Laura (Lucie Heinze) verliebt hat. Doris reagiert erst gefasst, dann fährt sie Georgs Auto gegen das Garagentor, noch später zündet sie Lauras Wagen an. Nach einem Vierteljahrhundert als Hausfrau und Mutter kommt sie sich auf dem Arbeitsmarkt wie ein „unbekanntes Flugobjekt“ vor. Dass ihr die Hälfte des gemeinsamen Hauses zusteht, obwohl sie mit ihrem mickrigen Nebenverdienst in einer Galerie kaum etwas dazu beigetragen hat, muss Georg erst begreifen lernen.

Die Verletzungen sind vorhersehbar. Georg fühlt sich nicht mehr lebendig, Doris nicht wertgeschätzt. Ein zivilisiertes Gespräch ist nur mehr unter Anleitung der Therapeutin Gisela Bruhns (Angelika Thomas) möglich. Drehbuchautor Martin Rauhaus dienen die Sitzungen als erzählerische Klammer. Immer wieder kehrt die Handlung in die Praxis im noblen Hamburger Altbau zurück und schwenkt von dort zu Doris' und Georgs und zu Georgs und Lauras Kennenlernen, zur Reaktion ihrer Kinder Tom (Anton Rubtsov) und Lisa (Giulia Goldammer) und zu der ihrer Freunde Claudia (Julika Jenkins) und Peter (Peter Jordan).

Männer stammen vom Mars, Frauen von der Venus, will uns diese Trennungskomödie sagen. Bei ihrer ersten Begegnung hat sich Doris in Georgs Intellekt, er in ihre Nase verliebt. Nun fällt Georg auf Lauras Vitalität und berufliche Ambitionen und Doris auf den Intellekt des nächsten Aufschneiders, den Kulturjournalisten Axel (Marcel Hensema), herein. Ein netter Paartanz, von lateinamerikanischen Rhythmen unterlegt, der jedoch schnell aus dem Takt gerät. Die paar Verrücktheiten, die sich dieses schon in jungen Jahren spießbürgerliche Paar für ihre Midlife-Crisis aufgehoben hat, reißen weder erzählerisch noch inszenatorisch vom Kinositz.

Regisseur Rainer Kaufmann war zuletzt viel fürs Fernsehen tätig. Wie Fernsehen sieht Und wer nimmt den Hund? dann auch aus. Dialog folgt auf Dialog, mal durch kleine Kamerafahrten, mal durch eine wacklige Handkamera mühevoll in Schwung gebracht. Der Charme, den seine Kassenschlager aus den 1990er-Jahren (Stadtgespräch, Die Apothekerin) versprühten, scheint nur gelegentlich durch. Visuelle Komik suchen wir vergebens. Die fraglos sehr gut geschriebenen Pointen bleiben Mangelware und stechen dadurch umso mehr aus der ermüdenden Dialoglast heraus.

Rauhaus' Drehbuch zeichnet eine überanalysierte und überforderte Welt. Doris' und Georgs Kinder wissen bestens über die Leben der anderen Bescheid, kommen aber mit dem eigenen nicht klar. Ihre Eltern wissen um ihre Schwächen, Fehler und um all die Beziehungsfallen und tappen dennoch hinein. Rauhaus hat dafür das Bild der Aurelia aurita, der Ohrenqualle gewählt. Vor einem Aquarium voller Ohrenquallen lernten sich Doris und Georg, später Georg und Laura kennen. Die ist „bei großem Hunger in der Lage, sich selbst aufzufressen und sich dadurch zu regenerieren“, lässt Georg Doris wissen. Das funktioniere allerdings nur bedingt. Ihre Lebensdauer betrage nur ein Jahr.

Doris' und Georgs gemeinsame Lebensdauer beträgt ein Vierteljahrhundert. Sie haben sich ergänzt, aber auch einen Teil von sich aufgefressen – wie sich auch Rainer Kaufmanns Komödie mit fortlaufender Dauer immer mehr selbst verspeist. Dank Martina Gedeck und Ulrich Tukur ist das bis zum Schluss verschmerzbar. Wirklich komisch ist es nicht. Mit ihren überforderten Figuren sind sowohl die Hauptdarsteller als auch wir Zuschauer*innen unterfordert.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/und-wer-nimmt-den-hund-2019