Prélude (2019)

Genius und Wahnsinn

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auch privat markiert die Zeit eine emotionale Achterbahnfahrt: David verliebt sich in die Gesangsstudentin Marie (Liv Lisa Fries), die eigentlich mit dem Piano-Studenten Walter (Johannes Nussbaum) zusammen ist. Zwar finden die beiden kurz zueinander, doch die Liebe ist nicht von Dauer. Und als Davids Hoffnungen auf ein Stipendium an der renommierten Juilliard School schwinden, gerät er immer tiefer in einen Strudel aus Selbstzweifeln und Depressionen, der erst in besessener Arbeit an der eigenen Vervollkommnung, dann in Aggressionen und schließlich in Selbstdestruktion mündet …

Wie die Triller, die David in atemberaubend geschnittenen Sequenzen in der Mitte des Films stoisch übt und die sich zu einem Score voller treibender Rhythmik und enervierender Monotonie ausbreiten, ist Sabrina Sarabis Spielfilmdebüt Prélude ein Werk voller Musikalität und extrem rhythmisch komponiert. Die Musikstücke, das stakkatohafte Klacken des Tischtennisballs, der vor Davids Wohnung von Walter mit besessener Inbrunst gespielt wird (natürlich gegen die hochgestellte Hälfte einer Tischtennisplatte, denn der ärgste Feind eines angehenden Musikers ist natürlich er selbst) - all das erzeugt einen nicht nur musikalischen Sog, sondern gibt dem ruhigen Drama, das bisweilen eher an einen Psychothriller der bedächtigen Art erinnert, auch dramaturgisch Drive und Tempo.

Entfernt erinnert Prélude ein wenig an Damien Chazelles Whiplash, auch wenn der Film viel behutsamer und leiser angelegt ist und die Emotionen David wie in einem Dampfkessel langsam vor sich hin brodeln lassen. Doch das ist nicht der einzige Unterschied zu dem Jazz-Drama: Während Chazelle den Gegenspieler des jungen Schlagzeugers deutlich erkennbar als Sadisten kennzeichnet, ist Ursina Lardis Part ungleich vielschichtiger und ambivalenter angelegt. Mal ist sie fast mütterlicher und freundlich zu ihrem Zögling, dann wieder hart und abweisend und stets überaus kritisch - schließlich geht es am Konservatorium nicht nur um das Weiterkommen der Schüler, sondern auch um die Reputation der Lehrenden. 

Der gnadenlose Leistungsdruck, dem hier alle unterliegen, drückt sich auch in den Beziehungen und Handlungen der Menschen untereinander aus. Walter und Marie gehen teilweise rüde miteinander um, er küsst sie vor den Augen Davids mit handfestem Nachdruck, sie zieht ihn an den Haaren und weist ihn wie einen kleinen Jungen zurecht, als Walter dem Konkurrenten nicht schnell genug den Übungsraum überlässt.

Fast durchgängig als Kammerspiel angelegt, dessen Farbpalette kaum je Farbtupfer und Aufhellungen zulässt, wird Prélude zu einer Studie über Vereinsamung und nicht nur musikalische Obsessionen, unterdrückte Wut und offensichtliche Versagensangst, über Abhängigkeitsverhältnisse und deren Folgen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/prelude-2019