Die Hollars - Eine Wahnsinnsfamilie (2016)

Es ist nur das Leben

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Insbesondere in der ersten Hälfte des Films ist die Handlung überfrachtet, vorhersehbar und oftmals motivisch äußerst schlicht. Dass Don seine Frau "Chief" nennt, soll 40 Jahre Ehe beschreiben, dass Johns Verlobte reich ist, auf ein mögliches Defizit hinweisen. Die Figuren sind nur wenig entwickelt: John soll möglichst liebenswürdig, seine Ex-Freundin möglichst verführerisch sein, Johns Bruder Ron soll der verzweifelte Durchschnittsamerikaner sein, der ja ach so "lustige" rassistische Dinge sagt, und untermalt wird alles gefälligen, indietypischen Singer-Songwriter-Klängen. Welche Art Humor der Film wählt, zeigt schon die Namensgebung Don, Ron und John; zudem wird der Witz niemals aus den Charakteren oder Situation entwickelt, sondern bleibt überwiegend Behauptung.

Dass Die Hollars - Eine Wahnsinnsfamilie dennoch einige gute Szenen entwickelt, ist insbesondere der Besetzung des Elternpaares zu verdanken: Richard Jenkins mischt Sturheit mit Schwäche und Verzweiflung, die großartige Margo Martindale verbindet Warmherzigkeit, Reflexion und Humor. Ihr Vermögen, aus den wenigen Ansätzen des Drehbuchs Charaktere zu entwickeln, sorgt dafür, dass tatsächlich ein wenig Interesse an dieser Familie entsteht.

Besonders schmerzlich ist, dass inmitten der vielen Krisen, Klischees und Neurosen eine wunderbare Geschichte übersehen wird: Die Hollars - Eine Wahnsinnsfamilie hätte ein Film über die (bedingungslose) Liebe in einer Familie und die Ursache von (männlichen) Versagensängsten werden können, die sich vor allem darauf gründen, andere Menschen zu enttäuschen. In den wenigen Momenten, in denen der Film sich hierauf konzentriert, ist er überraschend berührend: Wenn John mit seiner Mutter aus dem Krankenhaus für ein gemeinsames Abendessen vor der Operation flieht, wenn Don, Ron und John Sally mit den Indigo-Girls-Songzeilen "The best thing you've ever done for me / Is to help me take my life less seriously / it's only life after all" Mut vor der Operation ansingen wollen – oder wenn John angesichts der bevorstehenden Vaterschaft seine Ängste gesteht und sich seine Freundin als diejenige entpuppt, die ihn weitaus besser kennt und versteht als er vermutet hat. Von diesen Momenten hätte Die Hollars - Eine Wahnsinnsfamilie mehr vertragen können. Stattdessen aber hält sich der Film lieber an die Konventionen des Feel-Good-US-Independent-Kinos. Schade.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-hollars-eine-wahnsinnsfamilie-2016