Chambre 212 (2019)

Ein Leben in einer Nacht

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Irgendwann wird es der Voyeurin zu langweilig. Zu viele Klischees, und die dann auch noch schlecht vorgetragen. Das mit dem heimlichen Beobachten einer sinnlichen Verführung, nackt hinter einem Vorhang verborgen, hatte sie sich spannender vorgestellt. „Ich mag eine gute Farce!“, erklärt sie den verdutzen Liebenden noch, bevor sie schnell ihre Verfehlungen herunterrattert und aus dem Raum stürmt. Wer kann es ihr verübeln? Man kann dem französischen Kino schwerlich vorwerfen, es hätte zu wenig Filme über wohlhabende Ehepartner die einander betrügen hervorgebracht. Wenn nicht gerade mit einem Schmunzeln Integrationsfragen verhandelt werden, tollt dort das Pariser Bürgertum durch Betten und Salons.

Mit dieser Einstiegsszene gibt Chambre 212 von Christopher Honoré ein Versprechen – dieser Film über ein reiches Pariser Paar, das sich auseinandergelebt hat und jetzt mit Seitensprüngen die Kraft der monogamen Liebe erprobt, soll anders werden. Wo alte Regeln und Muster erkannt und für überholt erklärt werden, sind neue Spielregeln ja oft der nächste Schritt. Tatsächlich erwächst aus den ehelichen Querelen ein buntes Gebilde mit deutlich hervorgehobenen Distinktionsmerkmalen, eine Mischung aus Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte, Genre-Reflexion und einem Bühnenstück.

Die Voyeurin hinter dem Vorhang heißt Maria, ist Professorin und wird von Chiara Mastroianni gespielt. Sie ist schroff, selbstbestimmt und nimmt sich was ihr gefällt. So zeigt es schon die Titelsequenz, in der sie durch die Straßen von Paris zieht. Junge, attraktive Männer, die von ihrem Blick gestreift werden, bewegen sich plötzlich in Zeitlupe, wie halbversteinert von Medusenaugen. Als ihr sensibler Ehemann Richard (Benjamin Biolay) noch am selben Abend eine SMS von einem ihrer Liebhaber entdeckt, werden mehr als zwei gemeinsame Jahrzehnte plötzlich in Frage gestellt. Die Situation eskaliert. Maria zieht noch in derselben Nacht in das Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite und wird dort von den Geistern ihrer Vergangenheit und Zukunft heimgesucht. Darunter sind der junge Richard, in den sie sich einst verliebt hat, ebenso wie seine Jugendliebe, die Klavierlehrerin Irene (Camille Cottin). Auch ihre streitsüchtige Mutter (Marie-Christine Adam), jeder ihrer früheren Liebhaber sowie der berühmte Chansonnier Charles Aznavour stimmen ins Für und Wider ein.

Eine Beziehung von Jahrzehnten wird auf zwei Zimmer konzentriert, zwei separate Bühnen. Wieder ist Maria eine Voyeurin, schaulustig steht sie neben ihrem eigenen Leben. Die Wohnung von ihr und Richard ist vollgestopft mit Büchern und Erinnerungen, das Hotel dagegen ein beliebig verformbarer Transit-Ort. Beide präsentiert der Film als irreale Kulissen, mehrfach schwebt die Kamera über die eigentlich massiven Wände hinweg. Die vierte Wand wird nicht gebrochen, sie hat von der ersten Minute an faustgroße Löcher. Nur wenig später wird sogar der ganze Straßenblock als niedliche Modellstadt gezeigt. Gewaltig türmen die Eheleute über dem Diorama ihres eigenen Lebens, große Kinder, die mit ihrem Puppenhaus Familie spielen.

Ein Baby, das die beiden nie bekommen haben, krabbelt erst real durchs Bild, nur um wenig später durch eine Puppe ersetzt zu werden. Die Menschen aus der Vergangenheit, aber auch die, die es nie gegeben hat, sind unmittelbar physisch anwesend. Maria kann sogar noch einmal mit dem jungen Richard (Vincent Lacoste) schlafen, als wäre nicht schon klar, dass sie weniger den Mann als vielmehr eine Erinnerung liebt.

In der langen magischen Nacht offenbaren sich plötzlich alle möglichen und verstellten Lebenspfade, jedes Szenario kann erprobt werden. Fantasien müssen keine solchen bleiben. All das Unausgesprochene und Verdrängte kehrt zurück – als Fragen, die Antworten fordern, oder als Verlangen, das ausgelebt oder abgelehnt werden muss. Manche Figuren geben sogar offen zu, ein Teil von Marias Psyche zu sein: Der Schlagersänger Aznavour bekräftigt sie in jedem ihrer Wünsche, übernimmt die Rolle des freudschen Es, während die Mutter – natürlich die Mutter – als übellauniges Über-Ich herhalten muss.

Der Film gefällt sich darin, die ernsten Fragen mit einer gewissen Leichtigkeit vorzutragen. Jede Bewegung muss gleiten, nichts darf schwerfällig oder gar schwermütig wirken. Die spöttischen Wortgefechte mögen tief unter die Haut der Figuren schneiden, amüsant sind sie stellenweise doch. Diese Beziehung ist nicht krachend und unwiderruflich gescheitert, sondern langsam unter der Last von Routine und Egoismus zerdrückt worden.

Wie schon etwa in Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein erforscht Honoré Menschen in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Bestimmte Bewegungen und Rituale teilen sie im jungen und hohen Alter, andere verlieren sich. Schnell wird deutlich, dass es dem Regisseur eher um Diskontinuität geht als darum klare, unverrückbare Lebenspfade zu präsentieren. Die Ähnlichkeit zwischen den jungen und alten Versionen der Hauptfiguren ist kaum vorhanden, sie erschöpft sich in der Regel in Haarfarbe und Geschlecht. Als ginge es darum zu zeigen, dass Menschen im Laufe ihres Lebens im wahrsten Sinne des Wortes zu anderen werden. Dabei wird leider gerade diese Entwicklung kaum greifbar, vieles wird nur angerissen, eine manchmal zu hektisch gekritzelte Skizze. In nur 90 Minuten Spielzeit schwebt man hier eher über Baumkronen als sich den Wurzeln zu widmen.

Interessant ist dabei, dass zwar Richard und Irene von verschiedenen SchauspielerInnen verkörpert werden, nicht aber Maria. Sie wird zur Hauptfigur und Schurkin erkoren, sie führt das stringenteste und für das Drehbuch scheinbar auch kritikwürdigste Leben. Allein, dass ihre Liebhaber als dümmliche Horde durch den Film ziehen, eine dauernde Anklage gegenüber ihrer Promiskuität, ist nicht sonderlich lange lustig. Natürlich hat Maria auch mit einem Cousin geschlafen. Die große Unwucht in der Beziehung macht den gesamten Streit ein wenig uninteressanter, als würden man einem Boxkampf in unterschiedlichen Gewichtsklassen beiwohnen. Maria wird der Prozess gemacht. Der Originaltitel des Films - Chambre 212 - verweist nicht umsonst auf den entsprechenden Artikel im französischen Code civil. Der ermahnt Eheleute dazu, einander mit Respekt zu behandeln, treu zu sein, und für Sicherheit und gegenseitige Unterstützung zu sorgen. Es ist wohl kein Zufall, dass ein Land mit solchen Gesetzen so viele Filme über Untreue hervorbringt. 

Mit fortschreitender Laufzeit öffnen sich die begrenzten Räume des engen Das Fenster zum Hof-Szenarios immer weiter. Man besucht auch etwa die Bar unter dem Hotel oder steht sich auf der verschneiten Straße gegenüber. Unter der Wohnung des Ehepaars ist ein Kino, gerade werden Jeremiah Zagars We the Animals und Francois Ozons Gelobt sei Gott gezeigt. Man streitet unter Filmplakaten, wohl auch in dem Wissen, dass das eigene Verhalten auch immer eine Imitation von dem ist, was man von der Leinwand kennt. Doch bei aller postmodernen Abgeklärtheit gelingt es dem Film trotzdem nie ganz, mit all seinem Fantasie-Klamauk, wirklich einen neuen Zugang zum altbewährten Thema zu finden. Chambre 212 bleibt eine fluffig leichte Beziehungskomödie, die nicht ganz frei von Charme ist. Doch würde Maria diesen Film anschauen, spätestens nach 20 Minuten würde sie wohl genervt hinter dem Vorhang hervortreten. Das mit dem verspielten magischen Blick auf eine scheiternde Beziehung hatte sie sich bestimmt spannender vorgestellt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/chambre-212-2019