Das geheime Leben der Bäume (2020)

Unterwegs mit Deutschlands Oberförster

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Deutschen und ihr Wald - irgendetwas ganz Besonderes scheint sie auf ganz besondere Weise miteinander zu verbinden. Und so ist es kein Wunder, dass der diplomierte Forstwirt Peter Wohlleben mit einem Buch über den Wald und die Bäume (Das geheime Leben der Bäume) hierzulande zum Bestsellerautor avancierte und seitdem als gern gesehener Gast bei Talkshows, gefragter Vortragsredner und Deutschlands Oberförster ein Mann von öffentlichem Interesse geworden ist. Wer die Mechanismen der Filmindustrie kennt, weiß, dass es da nur eine Frage der Zeit war, bis sich jemand an eine Verfilmung des Sachbuches oder zumindest Annäherung daran versuchen würde - so absurd das auf den ersten Blick auch klingen mag. Und so ist es fast folgerichtig, dass „Das geheime Leben der Bäume“ (der Film) Spurenelemente des gleichnamigen Buches in sich trägt, sich ansonsten aber auf diversen Holzwegen zwischen Biopic, Personality Show, Medienhype und Ökologie light im Unterholz verirrt. Dem Erfolg an den Kinokassen steht dies freilich - so steht zu befürchten - kaum im Wege.

Zweifelsohne ist Peter Wohlleben ein Mensch, der den meisten seiner Landsleute von Grund auf sympathisch erscheint. Freundlich und mit ebenso einfachen wie verständlichen Worten vermag er es, noch so komplizierte biologische wie ökologische Sachverhalte so auszuformulieren, dass seiner Leserschaft ebenso wie das Publikum bei Lesungen und Talkshows wie gebannt an seinen Lippen hängt. Wohlleben versteht sich - ganz im Gegensatz zu vielen deutschen Politiker*innen - auf eine einfache Sprache und eine klare Haltung zu den Dingen, die ihm am Herzen liegen. Und ebendiese Haltung greift in Zeiten von #Hambibleibt-Protesten und der FridaysforFuture-Bewegung eine Stimmung in der Bevölkerung auf, die sich deutlich gedreht hat. Trotz teils massiver Widerstände ist das ökologische Bewusstsein (nicht unbedingt das Wissen, aber das steht auf einem anderen Blatt) innerhalb der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen, stehen Themen wie Ökologie gerade wegen den immer schlimmeren Nachrichten aus dem Kampf gegen den drohenden Klimakollaps hoch im Kurs. Und der ebenso medienaffine wie eloquente Peter Wohlleben ist das passende Gesicht und Aushängeschild für einen Trend und Bewusstseinswandel, der sich in den nächsten Jahre noch weiter verstärken wird.

Damit soll freilich nicht gesagt werden, dass Wohlleben ein Profiteur gesellschaftlicher Veränderungen sei, sein Anliegen, das macht der Film durchaus deutlich, ist ebenso ernst wie nobel in der Sache. Dennoch haftet dem Film von Jörg Adolph, dessen atemberaubende Waldaufnahmen der bekannten Naturfilmer Jan Haft besorgte, etwas entschieden Widersprüchliches an. Dass ausgerechnet ein Film von und mit Peter Wohlleben, der sich als entschiedener Gegner der Kommerzialisierung des Waldes profiliert hat, sich andererseits genau jenen Gesetzen des Marktes so vollständig unterwirft, ist nur eine von mehreren Kröten, die man als kritische/r Zuschauer*in in diesem Film schlucken muss.

Eine weitere ist die überaus präsente Filmmusik, die jeden Moment der Stille erbarmungslos zukleistert und besonders die Naturaufnahmen in einem Maße emotionalisiert, wie man dies gerade im populären deutschen Dokumentarfilm nur allzu gut kennt.

Zugleich zeigt sich der Film seinem Protagonisten gegenüber gnadenlos loyal, kein Wort fällt hier über die gut geölte Marketingmaschinerie, die mittlerweile den Erfolg Wohllebens verwaltet, keine Erwähnung über die Kritiker, die teilweise eine recht fundierte Kritik an den Thesen Wohllebens vortragen. Weil aber genau dies womöglich Zweifel an der Lichtgestalt wecken könnte, unterbleibt eine wie auch immer geartete kritische Auseinandersetzung mit dem gleichwohl überaus sympathischen Protagonisten, der selbst an einer Stelle freimütig bekennt, sich öfter schon geirrt zu haben. Auf diese Weise genügt der Film journalistischen Standards nicht. Vermutlich war das aber auch gar nicht im Sinne seiner Macher.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-geheime-leben-der-baeume-2020