Keine Zeit zu Sterben (2020)

Letzter Blick über die Schulter

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Schon der 24. Bond-Film Spectre hätte für den in Interviews damals etwas dienstmüde wirkenden Daniel Craig der letzte Auftritt als Agent mit der Lizenz zum Töten sein können. Inhaltlich bot sich ein Abgang durchaus an, fährt 007 am Ende doch mit seiner neuen Liebe Madeleine Swann (Léa Seydoux) ins Ungewisse. Tatsächlich ließ sich der britische Darsteller allerdings zu einem weiteren Spionageabenteuer überreden, das nach einigen Verzögerungen – ein Wechsel auf dem Regiestuhl von Danny Boyle zu Cary Joji Fukunaga und der Ausbruch der Corona-Pandemie waren Schuld – die großen Leinwände erreicht und nicht, wie zwischenzeitlich befürchtet, zu einer Streaming-Plattform abgewandert ist. Während der üppigen, über 160-minütigen Laufzeit wechseln sich gelungene Ideen mit weniger überzeugenden Momenten ab.

Die Wucht des Spectre-Einstiegs, der uns in den Trubel am Día de los Muertos in Mexiko-Stadt hineinschleudert, erreicht Keine Zeit zu sterben sicher nicht. Interessant ist der Auftakt aber allemal, da wir uns in einem winterlichen Home-Invasion-Szenario wiederfinden, das von den Maskenkillern des Slasher-Kinos inspiriert zu sein scheint: Die kleine Madeleine sieht sich hier einem Eindringling gegenüber, der ihren nicht anwesenden Vater Mr. White, einen skrupellosen Terroristen, töten will und ihre alkoholkranke Mutter erschießt. Zunächst sieht es so aus, als würde auch das Mädchen sein Leben lassen. Doch dann bleibt sie verschont.

Von diesem Punkt springt der Film in die Zeit nach der Festnahme des größenwahnsinnigen Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz), bei dem es sich um eine Art Stiefbruder Bonds handelt. Was die finalen Augenblicke des vorangegangenen Kapitels nahelegen, bestätigt sich im neuen Streifen. Der Doppel-Null-Agent hat seine Karriere an den Nagel gehängt und möchte das Leben mit Madeleine in vollen Zügen genießen. Die frostige Atmosphäre des Anfangs weicht einer in warme Farben getauchten, recht kitschigen Stimmung, die unter dem Motto „Liebesurlaub aus dem Werbeprospekt“ stehen könnte. Madeleines Hinweis, James blicke ständig über die Schulter, werde von seiner Vergangenheit noch verfolgt, deutet darauf hin, dass es nicht bei der Idylle bleibt. Inmitten eines verwinkelten, in einer atemberaubend zerklüfteten Küstenlandschaft liegenden italienischen Städtchens kommt es nur wenig später zu einer packend gefilmten Verfolgungsjagd mit mehreren irren Stunts, die beweist, dass Fukunaga (Beasts of No Nation) weiß, wie krachendes Blockbuster-Kino funktioniert.

Die gemeinsame Zukunft von Bond und Madeleine findet nach dem offenbar durch die Spectre-Organisation arrangierten Angriff auf den Ex-Agenten ein jähes Ende, da er ihr plötzlich nicht mehr über den Weg traut. Während er kurz vor und bei der Trennung den coolen, kontrollierten Kerl raushängen lässt, verharrt seine Partnerin in der langweiligen, abgestandenen Rolle des aufgelösten Nervenbündels. Ein erster Hinweis darauf, dass Keine Zeit zu sterben es nicht versteht, Léa Seydoux‘ Figur nach ihrer schon wenig facettenreichen Zeichnung in Spectre entscheidend aufzuwerten. Als sie von Bond in einen Zug verfrachtet wird, verabschiedet sich die junge Frau für die nächste Dreiviertelstunde aus der Geschichte.

Fünf Jahre nach den Ereignissen in Italien kommt es in London zu einem Einbruch in ein Geheimlabor und zur Entführung des Wissenschaftlers Valdo Obruchev (David Dencik). Hektische Betriebsamkeit bricht aus, weil ein hochgefährlicher Virenstoff entwendet wurde. An den inzwischen auf Jamaika lebenden Bond wendet sich daraufhin sein alter CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright), dessen Hilfegesuch – so verlangt es die klassische Dramaturgie – der Aussteiger allerdings fürs Erste ablehnt. Hat er seine widerwillige Haltung überwunden, muss er sich nicht nur mit seinem inhaftierten Erzfeind Blofeld auseinandersetzen, sondern auch mit einem Mann namens Lyutsifer Safin (Rami Malek), der von persönlichen Rachemotiven angetrieben wird.

Wo eine der Schwächen von Keine Zeit zu sterben liegt, zeigt die Wiederbegegnung zwischen dem Protagonisten und seinem Stiefbruder im Gefängnis. Eine Szene, die nur wenige Minuten dauert, aber erneut das beunruhigende Charisma hervortreten lässt, das Christoph Waltz bereits in Spectre zu verströmen wusste. Safin dagegen wächst über das Klischee des grausamen Wirrkopfs nicht hinaus – egal, wie sehr sich Rami Malek auch bemüht, gegen die Profillosigkeit seines Bösewichts anzuspielen.

Im Hinblick auf Bonds Umgang mit Frauen gibt sich der 25. Film der Reihe in einigen Situationen erfreulich reflektiert und modern. Ein mögliches sexuelles Abenteuer wird beispielsweise mehrfach ironisch unterlaufen und vereitelt. Gleichzeitig fühlt sich die Darstellung mancher weiblicher Charaktere aber seltsam rückständig an. Statt beherzt in das Geschehen einzugreifen, sehen wir Madeleine ihren James zumeist anhimmeln und über seinen Tatendrang staunen. Unterentwickelt sind trotz kleiner aktionsbetonter Zugeständnisse auch die CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas), die in ihrem offenherzigen Kleid als Blickfang inszeniert wird, und die nach Bonds Renteneintritt neu eingestellte Schwarze 007-Agentin Nomi (Lashana Lynch). Spannend dürfte es sein, wie in kommenden Franchise-Titeln mit dieser Figur umgegangen wird. Muss sie einfach wieder ihren Platz räumen? Oder könnte sie ihre Position behalten und vielleicht sogar noch stärkere Akzente setzen?

Ähnlich wie sein Regiekollege Sam Mendes in Spectre schüttelt auch Fukunaga über den an spektakulären Schauplätzen spielenden Film verteilt diverse furios inszenierte Actionsequenzen aus dem Ärmel und wartet mit einer Reihe interessanter Bildeinfälle auf. Biegt die öfters als in den letzten Reihenkapiteln humorig aufgebrochene, manchmal etwas konfuse, zumindest mit einer echten Überraschung garnierte Handlung auf die Zielgerade ein, hält sich die emotionale Wirkung leider in Grenzen, obwohl die ganz großen melodramatischen Gesten ausgepackt werden. Die aufwühlende, erschütternde Kraft des 23. Bond-Beitrags Skyfall verfehlt Keine Zeit zu sterben auf jeden Fall recht deutlich – und beschert Daniel Craig damit gewiss nicht den bestmöglichen Abschied.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/keine-zeit-zu-sterben-2020